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I. Vorwort

Im Zuge des Zusammenwachsens der alten und der neuen Länder in der Bundesrepublik Deutschland gilt es, auch für die sonderpädagogische Förderung eine gemeinsame Orientierung für die künftige Entwicklung zu finden und den Veränderungen pädagogischen Arbeitens Rechnung zu tragen.
Für die Länder in der Bundesrepublik Deutschland hat die KMK mit ihrer ‚Empfehlung zur Ordnung des Sonderschulwesens‘ vom 16. März 1972 zur Verwirklichung des Rechts auf Bildung für behinderte Kinder beigetragen, der schulischen Bildung und Erziehung behinderter junger Menschen wesentliche Impulse verliehen und den Ausbau eines differenzierten Sonderschulwesens unterstützt.
Für die Deutsche Demokratische Republik wurde mit dem ‚Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem‘ vom 25. Februar 1965 und mit der ‚Fünften Durchführungsbestimmung zum Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem - Sonderschulwesen -‘ vom 23. März 1984 die Erziehung und Unterrichtung behinderter Kinder und Jugendlicher (mit Ausnahme eines Teils der Geistigbehinderten) geregelt.
Die hiermit vorgelegten Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland berücksichtigen zum einen die pädagogischen Folgen der gesellschaftlichen Umbrüche und die in den vergangenen Jahren veränderten Lebensbedingungen und Lernvoraussetzungen der Kinder und Jugendlichen; sie tragen zum anderen einem gewandelten pädagogischen Selbstverständnis Rechnung.
Die wachsende Vielfalt der Organisationsformen und der Vorgehensweisen in der pädagogischen Förderung, die Erfahrungen mit gemeinsamem Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder, erziehungswissenschaftliche Denkanstöße und schulpolitische Schwerpunktsetzungen in den einzelnen Ländern lassen heute vielfältige Übereinstimmungen erkennen; sie sind Zeichen für eine eher personenbezogene, individualisierende und nicht mehr vorrangig institutionenbezogene Sichtweise sonderpädagogischer Förderung. In diesem Prozess ist neben den Begriff der Sonderschulbedürftigkeit in zunehmendem Maße der Begriff des sonderpädagogischen Förderbedarfs getreten. Die Erfüllung sonderpädagogischen Förderbedarfs ist nicht an Sonderschulen1 gebunden; ihm kann auch in allgemeinen Schulen2, zu denen auch berufliche Schulen zählen, vermehrt entsprochen werden.
Die Bildung behinderter junger Menschen ist verstärkt als gemeinsame Aufgabe für grundsätzlich alle Schulen anzustreben. Die Sonderpädagogik versteht sich dabei immer mehr als eine notwendige Ergänzung und Schwerpunktsetzung der allgemeinen Pädagogik.
Dieser Prozess ist vor allem gekennzeichnet durch
die Erfahrungen sonderpädagögischer Förderung in Sonderschulen und in allgemeinen Schulen,
ein verändertes Verständnis im Umgang mit behinderten Menschen,
die Ausweitung der Früherkennung und Frühförderung,
die Weiterentwicklung von pädagogischen Konzepten in Kindergärten, Kindertagesstätten und allgemeinen Schulen sowie von erweiterten Fördermöglichkeiten vor allem in der Grundschule,
den Einsatz weiterentwickelter und neuer technischer Hilfen,
die Verbesserung der förderdiagnostischen Möglichkeiten,
eine Höherbewertung der wohnortnahen Schule für das Kind.
Die Empfehlungen haben zum Ziel, ausgehend vom heute erreichten Standard in der Behindertenförderung die Weiterentwicklung der schulischen Förderung aller behinderten und von Behinderung bedrohten Kinder und Jugendlichen abzusichern und die Bemühungen um gemeinsame Erziehung und gemeinsamen Unterricht für Behinderte und Nichtbehinderte zu unterstützen. Es gilt, Bewährtes zu erhalten, Verbesserungen zu erreichen und Ziele zu beschreiben und zu verfolgen. Diese Bestrebungen stehen in Verbindung mit der Weiterentwicklung der allgemeinen Schule.
Bei allen geplanten Veränderungen ist darauf zu achten,
dass die notwendige Qualität und der erforderliche Umfang der Fördermaßnahmen gesichert wird,
dass die Flexibilität der Förderangebote in einem System gestufter und miteinander verbundener Hilfen gewährleistet ist,
dass Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf unabhängig von Ort und Form der Förderung möglichst gleiche Bildungschancen erhalten,
dass Behinderte und Nichtbehinderte im gemeinsamen Unterricht ihren Bedürfnissen entsprechend gefördert und gefordert werden,
dass die Zusammenarbeit aller an der Förderung des jeweiligen Kindes beziehungsweise Jugendlichen beteiligten Personen und Institutionen gewährleistet ist.

1 [Amtl. Anm.:] Für Sonderschulen gibt es unterschiedliche Bezeichnungen in den einzelnen Ländern.
2 [Amtl. Anm.:] Allgemeine Schulen im Sinne dieser Empfehlungen sind in Bezug auf die Sonderschulen und sonderpädagogischen Förderzentren alle übrigen Schulen.