Inhalt

VG Augsburg, Urteil v. 04.04.2018 – Au 6 K 17.31014
Titel:

Erfolglose Asylklage eines afghanischen Staatsangehörigen

Normenketten:
AsylG § 3, § 3e, § 4
AufenthG § 60 Abs. 5, Abs. 7
Leitsätze:
1. Kabul ist im Hinblick auf die allgemeine Sicherheitslage grundsätzlich als inländische Fluchtalternative geeignet.  (Rn. 26) (redaktioneller Leitsatz)
2. Es ist zu erwarten, dass ein gesunder Mann auch ohne nennenswertes Vermögen oder familiäre bzw. sonstige Kontakte seinen Lebensunterhalt in Kabul sicherstellen kann. (Rn. 30) (redaktioneller Leitsatz)
Schlagworte:
Afghanischer Staatsangehöriger der Volksgruppe der Paschtunen, (behauptete) Verfolgung durch Taliban, (behauptete) Rekrutierungsversuche durch Taliban, Fußverletzung nach (behauptetem) Anschlag der Taliban auf Kläger, innerstaatliche Fluchtalternative, posttraumatische Belastungsstörung (verneint), Anforderungen an ärztliche Atteste, Rückkehr nach Afghanistan zumutbar, Asyl, Provinz Laghman, interner Schutz, Kabul, Versorgungslage
Fundstelle:
BeckRS 2018, 7559

Tenor

I. Die Klage wird abgewiesen.
II. Der Kläger hat die Kosten des gerichtskostenfreien Verfahrens zu tragen.
III. Das Urteil ist hinsichtlich der Kosten vorläufig vollstreckbar. Der Kläger darf die Vollstreckung durch die Beklagte durch Sicherheitsleistung in Höhe des vollstreckbaren Betrags abwenden, wenn nicht die Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Tatbestand

1
Der Kläger begehrt die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft sowie des subsidiären Schutzes und weiter hilfsweise die Feststellung eines Abschiebungsverbots.
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Der am ... 1996 in der Provinz Laghman (Afghanistan) geborene Kläger ist afghanischer Staatsangehöriger der Volkszugehörigkeit der Paschtunen und sunnitischen Glaubens. Er reiste am 1. Juni 2014 aus Afghanistan aus und nach einem zwei- bis zweieinhalbmonatigen Aufenthalt in Pakistan und einem acht- bis neunmonatigen Aufenthalt in der Türkei über Bulgarien und Ungarn am 5. Juni 2015 in die Bundesrepublik ein, wo er Asyl beantragte.
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Bei seiner auf Paschtu geführten Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bundesamt) am 31. August 2016 gab er im Wesentlichen an (BAMF-Akte Bl. 33 ff.), seine Mutter, sein kleiner Bruder und ein Onkel mütterlicherseits lebten gemeinsam in der Provinz Langhman (Afghanistan). Außerdem lebten in Afghanistan noch drei Onkel väterlicherseits, zwei Tanten mütterlicherseits, drei Tanten väterlicherseits und die Großfamilie. Er habe die Schule mit der siebten Klasse abgeschlossen und während seiner Schulzeit in einer Fahrradwerkstatt gearbeitet. Nach der Schulzeit sei er arbeitslos gewesen; seine Mutter habe ihm empfohlen, wegen krimineller Banden und der Taliban nicht nach draußen zu gehen. Welche Tätigkeit sein Vater ausgeübt habe, wisse er nicht; er habe seine Mutter auch nie danach gefragt. Der Vater sei jedoch viel unterwegs gewesen und nur ein- bis zweimal pro Woche nach Hause gekommen. Die Familie habe Drohbriefe erhalten. Eines Tages habe man dann die Leiche des Vaters auf einem Feld vor dem Dorf gefunden. Nach dem Tod des Vaters hätten die Taliban verlangt, dass er sich ihnen anschließe; er habe jedoch abgelehnt. Selbst gesprochen habe er mit den Taliban nicht; vielmehr hätten ihm Bekannte die Botschaften der Taliban ausgerichtet. Als er eines Tages mit einem Esel auf dem Weg zum Markt gewesen sei, sei auf dem Weg eine Bombe explodiert. Er glaube, die Taliban hätten diese Bombe gelegt, um ihn zu töten. Er habe den Anschlag mit einer Verletzung am Fuß überlebt. Die Kosten für die Behandlung in Pakistan seien jedoch sehr hoch gewesen, so dass man die Landwirtschaft der Familie verkauft habe. Nach der Rückkehr aus Pakistan sei seine Mutter zu ihrem Bruder gezogen, wobei auch dieses Haus der klägerischen Familie gehöre, jedoch nach dem Tod des Vaters nicht habe zurückgefordert werden können. Die Mutter habe dem Kläger geraten, mit den anderen Jungen in die Türkei zu gehen, da es in Afghanistan nicht sicher sei. Die Reise in die Bundesrepublik habe ihn 6.000 USD gekostet, die seine Mutter durch den Verkauf von Schmuck und eines Grundstücks sowie durch eine Zuwendung des Onkels finanziert habe. In der Türkei habe er während seines acht- bis neunmonatigen Aufenthalts Wertstoffe gesammelt, das Geld habe jedoch nicht zum Leben genügt, so dass seine Mutter für die Finanzierung der Weiterreise ein Stück Land verkauft habe. Sein Onkel unterstütze seine Mutter nicht, teilweise gebe er ihr noch nicht einmal etwas zu essen, so dass der Kläger ihr Geld aus der Bundesrepublik schicken müsse. Wegen seines Beins habe er keine psychischen Probleme, jedoch bei Kälte Schmerzen.
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Der Kläger legte einen Kurzbericht der Kliniken der ...klinik ... vom 10. Juni 2015 vor, nach dem der Unterschenkel stark vernarbt mit deutlichem Druckschmerz an der Wade sei. Fremdkörper seien nicht vorhanden, auch sonst keine knöchernen Auffälligkeiten. Zur Schmerzbehandlung werde einmal täglich Ibuprofen sowie bei Bedarf zusätzlich bis zu viermal täglich Novalgin empfohlen. Des Weiteren legte der Kläger einen Bericht über eine ambulante Behandlung in der Notaufnahme der Klinik ... vom 30. Dezember 2015 vor. Der Kläger leide danach zum Behandlungszeitpunkt an unklaren Schmerzen im linken oberen Sprunggelenk. Die reizlosen Narbenkelloiden schienen dem Kläger keine Beschwerden zu machen. Es bestehe ein deutlicher Druckschmerz. Als Therapie erhalte der Kläger einen Unterschenkelgips sowie Stützkrücken zur Entlastung sowie einmalig in der Notaufnahme das Medikament Clexane.
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Das Bundesamt lehnte mit Bescheid vom 1. Februar 2017 den Antrag auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft (Nr. 1), auf Asylanerkennung (Nr. 2) und auf Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus (Nr. 3) sowie auf Feststellung eines Abschiebungsverbots nach § 60 Abs. 5 und Abs. 7 AufenthG ab (Nr. 4). Die Abschiebung nach Afghanistan wurde androht (Nr. 5). Das gesetzliche Einreise- und Aufenthaltsverbot wurde auf 30 Monate ab dem Tag der Abschiebung befristet (Nr. 6). Zur Begründung führte das Bundesamt aus, dass die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und die Anerkennung als Asylberechtigter nicht vorlägen, weil der Kläger eine Verfolgung nicht habe glaubhaft machen können. Die Angaben des Klägers seien arm an Details, vage, oberflächlich und in Hinblick auf die Rekrutierungsversuche der Taliban widersprüchlich. Zudem stehe dem Kläger eine innerstaatliche Fluchtalternative zur Verfügung. Die Voraussetzungen für subsidiären Schutz lägen ebenfalls nicht vor. Ein innerstaatlicher bewaffneter Konflikt könne zwar nicht ausgeschlossen werden, jedoch drohten dem Kläger bei einer Rückkehr keine erheblichen individuellen Gefahren aufgrund willkürlicher Gewalt. Abschiebungsverbote bestünden ebenfalls nicht. Die derzeitigen humanitären Bedingungen in Afghanistan würden nicht zu der Annahme führen, dass bei einer Abschiebung des Klägers eine Verletzung des Art. 3 EMRK vorliege. Insbesondere lebten mehrere enge Verwandte des Klägers, die ihn auch bisher unterstützt hätten, in Afghanistan. Auch die Voraussetzungen des § 60 Abs. 7 AufenthG lägen nicht vor. Aus den vorgelegten Attesten ergebe sich nicht, dass bei einer Rückkehr nach Afghanistan eine erhebliche Verschlechterung des Gesundheitszustands des Klägers drohe. Die Befristung des Einreise- und Aufenthaltsverbots auf 30 Monate sei angemessen. Schutzwürdige Belange seien nicht vorgetragen worden.
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Am 23. Februar 2017 ließ der Kläger gegen den am 18. Februar 2017 zugestellten Bescheid Klage erheben und beantragen,
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Die Beklagte wird unter Aufhebung ihres Bescheids vom 1. Februar 2017 (Gz.: ...) verpflichtet, den Kläger die Flüchtlingseigenschaft, hilfsweise den subsidiären Schutzstatus, zuzuerkennen sowie festzustellen, dass bei dem Kläger hinsichtlich des Staates Afghanistan Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und Abs. 7 AufenthG vorliegen.
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Die politisch-wirtschaftliche Lage Afghanistans habe sich verschlechtert; das Land erlebe – u.a. aufgrund des weitgehenden Abzugs der ausländischen Streitkräfte – einen Konjunkturabschwung. Mangels Beschäftigungsmöglichkeit in ... müsse sich der Kläger im Falle einer Rückkehr in seinem Heimatort eine wirtschaftliche Existenz sichern. Dies sei jedoch nicht möglich, weil der Kläger dort von den Taliban bedroht werde. Der Anschlag der Taliban auf den Kläger stehe offensichtlich im Zusammenhang mit seiner Weigerung zur Teilnahme am Dschihad und mit der Ermordung seines Vaters. Für den Kläger wäre eine Rückkehr nach Afghanistan daher lebensgefährlich. Des Weiteren hätten inzwischen sowohl das Bundesverwaltungsgericht als auch der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in Eilverfahren die Abschiebung junger, lediger Afghanen verhindert. Zudem liege nach der Einschätzung des UNHCR in ganz Afghanistan ein innerstaatlicher bewaffneter Konflikt vor. Die Taliban hätten ihrer Taktik hin zu groß angelegten Angriffen insbesondere in städtischen Gebieten geändert, infolgedessen sei die Zahl ziviler Opfer und der Binnenflüchtlinge deutlich angestiegen. Die hohe Zahl an Rückkehrern aus Pakistan und dem Iran belaste die Aufnahmekapazitäten Afghanistans und die Infrastruktur gravierend.
Der Kläger legte ein Attest des Universitätsklinikum ... vom 5. April 2017 vor, nach dem der Kläger am 30. März 2017 eine Sprechstunde wahrgenommen habe. Diagnostiziert wurde eine Vernarbung des linken Unterschenkels. Der Kläger gebe an, ziehende Schmerzen in der Wade zu haben. Das obere Sprunggelenk und das Kniegelenk seien frei beweglich. Es gebe keine hypertrophen Narbenanteile oder sich über Gelenke ziehenden Narbenanteile, so dass eine plastische Korrektur derzeit nicht erfolgsversprechend sei. Zum Ausschluss tieferer Vernarbungen, die entsprechend auf die Nerven drücken könnten, werde eine Kernspinuntersuchung empfohlen. Eine Narbenkorrektur der Haut sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll und in diesem Ausmaß auch nicht möglich. Zudem legte der Kläger einen Arbeitsvertrag als Mitarbeiter im Rotationssystem bei ... vom 19. Januar 2018 nebst Gehalts- und Asylbewerberleistungsnachweisen vor sowie eine Bestätigung seiner Krankenkasse vom 29. Juni 2017, dass der Kläger arbeitsunfähig krank sei.
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Die Beklagte hat keinen Antrag gestellt.
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Die Regierung von ... als Vertreterin des öffentlichen Interesses hat auf jegliche Zustellungen mit Ausnahme der Endentscheidung verzichtet.
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Mit Beschluss vom 2. Februar 2018 ist der Rechtsstreit der Einzelrichterin zur Entscheidung übertragen worden. Mit der Ladung übersandte das Gericht eine aktuelle Erkenntnismittelliste.
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Wegen der weiteren Einzelheiten wird auf die Gerichts- und die von der Beklagten vorgelegte Behördenakte sowie auf die Niederschrift der mündlichen Verhandlung verwiesen.

Entscheidungsgründe

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Die zulässige Klage ist nicht begründet. Der Kläger hat zum maßgeblichen Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung (§ 77 Abs. 1 Satz 1 AsylG) keinen Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft bzw. auf Zuerkennung subsidiären Schutzes oder auf Feststellung, dass ein Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 AufenthG vorliegt. Der angefochtene Bescheid des Bundesamtes ist daher rechtmäßig und verletzt den Kläger nicht in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1, Abs. 5 Satz VwGO). Es wird Bezug genommen auf die Gründe des angefochtenen Bescheids (§ 77 Abs. 2 AsylG) und ergänzend ausgeführt:
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1. Der Kläger hat keinen Anspruch auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft nach § 3 Abs. 1 AsylG.
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Nach § 3 Abs. 4 AsylG wird einem Ausländer, der Flüchtling nach § 3 Abs. 1 AsylG ist, die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt. Ein Ausländer ist nach § 3 Abs. 1 AsylG Flüchtling im Sinne des Abkommens vom 28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge (BGBl. 1953 II S. 559, 560 – Genfer Flüchtlingskonvention), wenn er sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen seiner Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb seines Herkunftslandes befindet. Eine solche Verfolgung kann nicht nur vom Staat ausgehen (§ 3c Nr. 1 AsylG), sondern auch von Parteien oder Organisationen, die den Staat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebiets beherrschen (§ 3c Nr. 2 AsylG) oder nichtstaatlichen Akteuren, sofern die in Nrn. 1 und 2 genannten Akteure einschließlich internationaler Organisationen erwiesenermaßen nicht in der Lage oder nicht willens sind, im Sinne des § 3d AsylG Schutz vor Verfolgung zu bieten, und dies unabhängig davon, ob in dem Land eine staatliche Herrschaftsmacht vorhanden ist oder nicht (§ 3c Nr. 3 AsylG). Allerdings wird dem Ausländer die Flüchtlingseigenschaft nicht zuerkannt, wenn er in einem Teil seines Herkunftslandes keine begründete Furcht vor Verfolgung oder Zugang zu Schutz vor Verfolgung nach § 3d AsylG hat und sicher und legal in diesen Landesteil reisen kann, dort aufgenommen wird und vernünftigerweise erwartet werden kann, dass er sich dort niederlässt (§ 3e Abs. 1 AsylG).
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a) Die Tatsache, dass der Ausländer bereits verfolgt oder von Verfolgung unmittelbar bedroht war, ist dabei ein ernsthafter Hinweis darauf, dass seine Furcht vor Verfolgung begründet ist, wenn nicht stichhaltige Gründe dagegen sprechen, dass er neuerlich von derartiger Verfolgung bedroht ist. Dabei ist es Sache des Ausländers, die Gründe für eine Verfolgung in schlüssiger Form vorzutragen. Er hat unter Angabe genauer Einzelheiten einen in sich stimmigen Sachverhalt zu schildern, aus dem sich bei Wahrunterstellung ergibt, dass bei verständiger Würdigung seine Furcht vor Verfolgung begründet ist, so dass ihm nicht zuzumuten ist, im Herkunftsland zu verbleiben oder dorthin zurückzukehren. Dabei genügt für diesen Tatsachenvortrag aufgrund der typischerweise schwierigen Beweislage in der Regel eine Glaubhaftmachung. Voraussetzung für ein glaubhaftes Vorbringen ist allerdings ein detaillierter und in sich schlüssiger Vortrag ohne wesentliche Widersprüche und Steigerungen.
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Ein sich steigernder Vortrag des Asylsuchenden kann zur Unglaubwürdigkeit seines Asylvorbringens führen (BVerwG, B.v. 12.9.1986 – 9 B 180/86 – juris Rn. 5). In gleicher Weise darf das Vorbringen eines Asylsuchenden tatrichterlich als unglaubhaft beurteilt werden, wenn es erhebliche, nicht überzeugend aufgelöste Widersprüche enthält (BVerwG, U.v. 23.2.1988 – 9 C 273/86 – juris Rn. 11).
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Der Kläger hat nicht glaubhaft gemacht, dass er Afghanistan aus begründeter Furcht vor Verfolgung verlassen hat.
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Die Äußerungen des Klägers zu den Geschehnissen in Afghanistan blieben auch auf Nachfrage der Einzelrichterin und des Klägerbevollmächtigten äußerst vage, pauschal und detailarm. In Teilen war der Vortrag zudem widersprüchlich.
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Auf Frage, warum der Kläger Afghanistan verlassen habe, führte der Kläger zunächst lediglich aus, er habe Afghanistan wegen seiner schweren Verletzungen und wegen der Sicherheitslage verlassen. Die Taliban hätten ihn nach dem Tod seines Vaters mitnehmen wollen und nicht in Ruhe gelassen. Seine übrigen Ausführungen bezogen sich auf Schmerzen wegen seiner Beinverletzung und seinen in der mündlichen Verhandlung wiederholt geäußerten Wunsch, seine Mutter vom Iran in die Bundesrepublik bringen zu dürfen. Auf Nachfrage des Gerichts zu seiner Situation in Afghanistan antwortete der Kläger, mehr dazu nicht sagen zu wollen. Er wolle vor allem seine Mutter in die Bundesrepublik holen. Auf konkrete Nachfrage, ob sein Vater bedroht worden sei, führte er lediglich vage aus, es habe Drohungen gegeben und sein Vater habe auf den Ländereien mit Leuten gesprochen. Die Frage, ob sein Vater Drohbriefe erhalten habe, beantwortete der Kläger nicht, ebenso nicht die Frage, wer den Vater umgebracht habe. Auch auf Nachfrage machte er keine konkreten Angaben zu den Rekrutierungsversuchen der Taliban und dem Selbstmordanschlag. Anders als noch bei der Anhörung vor dem Bundesamt trug der Kläger nicht mehr vor, dass der Anschlag ihm persönlich gegolten hätte. Auf Frage des Klägerbevollmächtigten führte der Kläger aus, er sei in der Bundesrepublik, weil er Schulden habe und ein neues Leben habe beginnen wollen. Außerdem kämen die Taliban immer wieder. Der Vortrag ist vage, detailarm und damit nicht glaubhaft.
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Der Vortrag des Klägers ist zudem widersprüchlich. So gab der Kläger in der mündlichen Verhandlung an, sein Vater sei ausschließlich in der Landwirtschaft tätig gewesen. Bei der Anhörung vor dem Bundesamt hatte er auch auf Nachfrage noch angegeben, den Beruf seines Vaters nicht zu kennen und seine Mutter auch nie danach gefragt zu haben. Zu seiner eigenen Berufstätigkeit trug er vor dem Bundesamt vor, zu Schulzeiten in einer Fahrradwerkstatt gearbeitet zu haben und danach arbeitslos gewesen zu sein; seine Mutter habe ihm geraten, zu Hause zu bleiben. In der mündlichen Verhandlung gab er an, in der Landwirtschaft gearbeitet zu haben. Zudem gab er in der mündlichen Verhandlung an, mehrere Drohbriefe der Taliban erhalten zu haben, während er bei der Anhörung vor dem Bundesamt keine Drohbriefe an sich selbst erwähnte, sondern nur an die Familie zu Lebzeiten des Vaters. Während er vor dem Bundesamt vortrug, die Taliban selbst hätten nicht mit ihm gesprochen, sondern über Dorfbewohner mit ihm kommuniziert, gab er in der mündlichen Verhandlung an, er sei einmal persönlich von Taliban-Mitgliedern, ansonsten über Bekannte, angesprochen worden. In der mündlichen Verhandlung gab der Kläger an, auf dem Weg nach Hause Opfer eines Selbstmordanschlags geworden zu sein. Bei der Anhörung vor dem Bundesamt gab er noch an, auf dem Weg zum Markt durch eine von den Taliban gelegte Bombe verletzt worden zu sein.
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Nicht glaubhaft ist des Weiteren sein Vortrag, keine Verwandte mehr in Afghanistan zu haben. Gab er bei seiner Anhörung vor dem Bundesamt noch an, seine Mutter und sein Bruder lebten bei einem Onkel in einem Haus der Familie in der Provinz Langhman (Afghanistan) und außerdem lebten noch drei Onkel väterlicherseits, zwei Tanten mütterlicherseits und drei Tanten väterlicherseits in Afghanistan sowie in Afghanistan verstreut die anderen Verwandten der Großfamilie, gab er in der mündlichen Verhandlung an, alle Verwandten hätten das Land verlassen. Seine Mutter, sein Bruder und der Onkel lebten jetzt im Iran; den Aufenthaltsort der übrigen Verwandten kenne er nicht. Er wisse auch nicht, wann die übrigen Verwandten Afghanistan verlassen hätten, da er keinen Kontakt zu ihnen habe. Der Vortrag des Klägers war auch insoweit detailarm; nähere Angaben machte er nur widerstrebend und auf mehrmaliges Nachfragen der Einzelrichterin. Wenig glaubhaft ist auch, dass der Kläger zwar nach seinem Vortrag einerseits keinen Kontakt zu seinen Onkeln und Tanten hat und nicht weiß, wo und seit wann sie sich außerhalb Afghanistans aufhalten, aber sich andererseits sicher ist, dass alle seine Verwandten nicht mehr in Afghanistan leben. Nachdem der diesbezügliche Vortrag zudem zeitlich nach dem ablehnenden Bescheid des Bundesamtes liegt, welcher maßgeblich auch auf das unterstützende Familiennetzwerk des Klägers in Afghanistan abstellte, ist das Gericht überzeugt, dass es sich beim Vortrag, alle seine Verwandten hätten Afghanistan verlassen, um eine Schutzbehauptung des Klägers handelt.
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Der Vortrag des Klägers ist wegen seiner Vagheit sowie den festgestellten Widersprüchen und Schutzbehauptungen damit insgesamt nicht glaubhaft. Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Kläger vor seiner Ausreise nicht von den Taliban verfolgt wurde und ein etwaiger Anschlag der Taliban – sollte die Beinverletzung des Klägers Folge eines Anschlags sein, was der Kläger nicht glaubhaft gemacht hat – nicht dem Kläger galt.
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b) Selbst wenn – wie nicht – der Vortrag des Klägers als wahr unterstellt würde, so ist ihm jedenfalls Kabul als innerstaatliche Fluchtalternative nach § 3e AsylG zumutbar.
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Das Gericht ist der Überzeugung, dass der Kläger bei einer Rückkehr nach Afghanistan jedenfalls in Kabul keiner Verfolgung ausgesetzt wäre und Kabul als innerstaatliche Fluchtalternative noch geeignet und zumutbar ist, so dass erwartet werden kann, dass er sich dort vernünftigerweise niederlässt.
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(1) Grundsätzlich ist Kabul im Hinblick auf die allgemeine Sicherheitslage als Fluchtalternative geeignet. Das Risiko, dort durch Anschläge Schaden an Leib oder Leben zu erleiden, ist weit unterhalb der Schwelle der beachtlichen Wahrscheinlichkeit (vgl. BayVGH, B.v. 23.5.2017 – 13a ZB 17.30314 – Rn. 6 ff.; BayVGH, B.v. 11.12.2017 – 13a ZB 17.31374 – juris Rn. 6): Auch aus dem Lagebericht des Auswärtigen Amtes, der Lagebeurteilung des Auswärtigen Amtes und weiteren Quellen ergibt sich nicht, dass sich die Sicherheitslage in Kabul trotz gezielter Angriffe auf ausländische und afghanische Einrichtungen (dazu BT-Drs. 19/1120, S. 6 a.E.; UNHCR, International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 12.3.2018, S. 4) im Vergleich zur Einschätzung in den vorangegangenen Lageberichten derart wesentlich verschlechtert hätte (vgl. Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 19.10.2016, S. 4 mit Verweis auf UNAMA-Daten, S. 17 f.; Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.7.2017, S. 6 Nr. 21 mit Verweis auf UNAMA-Daten). Die Hauptgefährdung der afghanischen Zivilbevölkerung geht demnach landesweit von lokalen Machthabern und Kommandeuren aus, die sich der Kontrolle der Zentralregierung entziehen und häufig ihre Macht missbrauchen. Neben medienwirksamen Anschlägen auf militärische wie zivile internationale Akteure wurden vermehrt Anschläge auf afghanische Sicherheitskräfte verübt mit gestiegenen Opferzahlen insbesondere unter Armeeangehörigen (Auswärtiges Amt, Lagebericht vom 19.10.2016, S. 17). Die im Vergleich zum Jahr 2016 etwas gesunkene (Rückgang um 9% gegenüber dem Vorjahr) Gesamtzahl ziviler Opfer von 3.438 toten und 7.015 verletzten Zivilisten landesweit resultiert vor allem aus weniger Opfer fordernden Kampfhandlungen, während Selbstmordattentate und komplexen Anschläge etwa 22% der zivilen Opfer verursachten und um 17% auf 2.295 Opfer stiegen (UNAMA, Protection of Civilians in Armed Conflict, Annual Report 2017, S. 1 f. mit Fn. 6, www.unama.unmissions.org; zuvor Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.7.2017, S. 8 Nr. 30 f. mit Verweis auf UNAMA-Daten; ebenso UNHCR, International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 12.3.2018, S. 5). In der Provinz Kabul seien 88% der 1.831 zivilen Opfer auf solche Attentate regierungsfeindlicher Kräfte zurückzuführen (vgl. UNAMA a.a.O. S. 4). Auffallend sei die Zunahme von Anschlägen auf religiöse Ziele insbesondere der Schiiten durch Terroristen des IS (vgl. auch UNHCR, International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 12.3.2018, S. 7), während UNAMA die Anstrengungen der Regierungskräfte würdigt, zivile Opfer bei Kampfhandlungen zu vermeiden (vgl. UNAMA a.a.O. S. 3). Erstrangiges Ziel der Aufständischen seien ausländische Streitkräfte, Regierungsvertreter und die als Verbündete angesehenen afghanischen Sicherheitskräfte und Regierungsmitglieder sowie Regierungsbedienstete (Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.7.2017, S. 6 ff. Nr. 23 f., 28); für sie fluktuiere die Bedrohungslage regional (Auswärtiges Amt, ebenda S. 7 Nr. 24), sowie der Unterstützung für diese verdächtige Zivilisten (vgl. UNAMA a.a.O. S. 3; auch Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 19, 26; AI, Auskunft vom 8.1.2018 an das VG Leipzig, S. 3 f.).
Für afghanische Zivilisten gehe eine Bedrohung für Leib und Leben in ländlichen Gebieten insbesondere von Kampfhandlungen zwischen den Konfliktparteien sowie improvisierten Sprengkörpern, Selbstmordanschlägen und komplexen Angriffen auf staatliche Einrichtungen und in städtischen Gebieten vor allem von Selbstmordanschlägen und komplexen Angriffen sowie gezielten Tötungen und Entführungen aus (ebenda S. 8 f. Nr. 30 f., 35 unter Verweis auf UNAMA-Daten). Systematisch staatlich organisierte Gewalt gegen die eigene Bevölkerung aber finde nicht statt (ebenda S. 11 Nr. 40).
Soweit eine landesweite Gefährdung von Zivilisten durch Kampfhandlungen, Anschläge und Verfolgung gesehen wird (vgl. Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 2), widerspricht dies der Einschätzung von UNAMA nicht, da die Intensität der Gefährdung von zahlreichen Faktoren abhängt (vgl. AI ebenda S. 2 ff., 16 f., 43 ff. unter Verweis u.a. auf UNAMA).
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Für Kabul teilt die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UN Assistance Mission in Afghanistan, UNAMA) in ihrem Jahresbericht für 2017 um 4% im Vergleich zum Jahr 2016 auf 1.831 zivile Opfer, darunter 479 getötete und 1.325 verletzte Zivilsten gestiegene Opferzahlen mit (vgl. UNAMA a.a.O. S. 4, 67). So bestätigte auch die Schweizerische Flüchtlingshilfe (Schweizerische Flüchtlingshilfe, Schnellrecherche der SFH-Länderanalyse vom 19.6.2017 zu Afghanistan: Sicherheitslage in der Stadt Kabul, S. 2, www.fluechtlingshilfe. ch/assets/herkunftslaender/ mittlerer-osten-zentralasien/afghanistan/170619-afg-sicherheitslage-kabul.pdf), dass die Provinz Kabul im Jahr 2016 unter allen afghanischen Provinzen die meisten zivilen Toten und Verletzten zu verzeichnen gehabt habe. Nächst hohe Opferzahlen werden aus den Provinzen Helmand, Nangarhar, Kandahar, Faryab und Uruzgan gemeldet (vgl. UNAMA a.a.O. S. 4). Das Selbstmordattentat vom 31. Mai 2017 in Kabul sei der folgenschwerste Angriff nach den Aufzeichnungen der UNAMA seit dem Jahr 2011 (ebenda S. 28 f.; ähnlich SFH a.a.O., S. 3 f.). Diese Datenlage zeigt also einerseits etwa gleichbleibende gesamte Opferzahlen, allerdings einen Anstieg der zivilen Opferzahlen und eine relative Verschlechterung der Sicherheitslage in Stadt und Provinz Kabul durch die Zunahme gezielter Anschläge (vgl. UNHCR, Anmerkungen zur Situation in Afghanistan vom Dezember 2016; AI, Auskunft vom 8.1.2018 an das VG Leipzig, S. 4 f., 8). Allerdings hat die Zunahme von Anschlägen nach Überzeugung des Gerichts nicht zu einer solchen Verschlechterung der Sicherheitslage in der Zentralregion und in Stadt und Provinz Kabul geführt, dass vernünftigerweise nicht mehr erwartet werden könnte, dass ein Rückkehrer sich dort niederlässt. Die allgemeine Gefährdungslage dort erreicht keine Intensität, dass ein innerstaatlicher bewaffneter Konflikt im Sinne von § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 3 AsylG nach den von der Rechtsprechung gestellten Anforderungen an einen solchen Konflikt (vgl. BayVGH, B.v. 11.12.2017 – 13a ZB 17.31374 – juris Rn. 6 ff.) angenommen werden könnte.
Ausgehend von einer Opferzahl von rund 10.500 zivilen Opfern im Jahr 2017 und einer Bevölkerungszahl in Afghanistan von mindestens 27 Mio. Menschen ist das Risiko, dort durch Anschläge Schaden an Leib oder Leben zu erleiden, landesweit noch weit unterhalb der Schwelle der beachtlichen Wahrscheinlichkeit (vgl. BayVGH, B.v. 11.12.2017 – 13a ZB 17.31374 – juris Rn. 6 ff.: Wahrscheinlichkeit weit unter 1:800) und es besteht auch keine zu einem Abschiebungsverbot nach § 60 Abs. 5 oder § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG führende Gefahrenlage (vgl. BayVGH, B.v. 11.12.2017 – 13a ZB 17.31374 – juris Rn. 6). Dies gilt auch für die Stadt Kabul mit einer von UNAMA mitgeteilten Opferzahl im Jahr 2017 von 1.831 zivile Opfern bei einer Einwohnerzahl in der Stadt Kabul von geschätzt 4,5 Mio. Menschen (UNAMA a.a.O. S. 4, 67; vgl. auch Auswärtiges Amt, Länderinformationen Afghanistan, Schätzung 2011, www.ausaertiges-amt.de, Abruf vom 7.6.2017).
Soweit Organisationen wie UNHCR und Pro Asyl sowie Presseberichte auf die Zunahme von Anschlägen in Kabul verweisen (vgl. UNHCR, Anmerkungen zur Situation in Afghanistan vom Dezember 2016), folgen sie eigenen Maßstäben, nicht jenen der o.g. Rechtsprechung. Dass die Opferzahlen – bei anderer Zählweise – höher liegen können, wie teils eingewandt wird (vgl. Stahlmann, Asylmagazin 2017, 82 mit Fn. 2), ändert diese Bewertung nicht, denn die von UNAMA mitgeteilten Daten sind methodisch nachvollziehbar ermittelt und auch deswegen belastbar (dies räumt auch das Schweizerische Bundesverwaltungsgericht, U.v. 13.10.2017 – D-5800/2016 – www.bvger.ch, Urteilsabdruck S. 18 f. ein), da sie von einer von der internationalen Staatengemeinschaft getragenen Organisation stammen. UNAMA wurde auf Grund der Resolution Nr. 1401 des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen eingerichtet auf Bitten der afghanischen Regierung; das Mandat wurde bis heute verlängert, zuletzt am 17. März 2017 mit Resolution Nr. 2344. UNAMA ist landesweit vertreten und unterhält Verbindungsbüros in Pakistan und im Iran; die Mission hat mehr als 1.500 Beschäftigte, darunter etwa 1.150 afghanische Beschäftigte (vgl. UNAMA, Mandate, Methodology, a.a.O.). Dass die Methodik der UNAMA überholt wäre, die Informationen an offen erkennbaren inhaltlichen Defiziten litten, insbesondere an entscheidungserheblichen unzutreffenden Tatsachenannahmen, unlösbaren Widersprüchen, sich aus den Stellungnahmen ergebenden Zweifeln an der Sachkunde oder der Unparteilichkeit oder eines speziellen, hier nicht vorhandenen Fachwissens bedürften (vgl. BVerwG, U.v. 22.10.2015 – 7 C 15.13 – NVwZ 2016, 308/312 Rn. 47 m.w.N.), ist weder ersichtlich noch substantiiert gerügt. Im Gegenteil liegen für Afghanistan mangels Einwohnermeldewesens auch für die Bevölkerungszahlen nur Schätzungen vor (dies räumt das Schweizerische Bundesverwaltungsgericht, U.v. 13.10.2017 – D-5800/2016 – Urteilsabdruck S. 18 f. ein; auch Stahlmann, Asylmagazin 2017, 73/74), so dass jede Datenerhebung schon deswegen an tatsächliche Grenzen stößt. Dass und weshalb andere Auskunftsquellen methodisch belastbarere Primärdaten hätten (auch SFH a.a.O. gibt keine selbst erhobenen Daten wieder), ist nicht ersichtlich, so dass die Daten von UNAMA weiterhin zu Grunde gelegt werden (vgl. Amnesty International, Afghanistan 2017 vom 15.2.2017, https://www.amnesty.de/ jahresbericht/2017/afghanistan, S. 3; Amnesty International, Zurück in die Gefahr 2017, S. 13 ff.; Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 2, 47 ff. jeweils unter Verweis auf UNAMA-Daten; Schweizerische Flüchtlingshilfe, Afghanistan Update vom 14.9.2017, S. 4 ff.).
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Auch der Ende Mai 2017 gegen die Deutsche Botschaft in Kabul gerichtete Selbstmordanschlag (Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.7.2017, S. 1 f. Nr. 4 ff.) führt zu keiner abweichenden Bewertung. Ausländische Institutionen und ihre afghanischen Helfer sind wie bisher Ziel gezielter Anschläge (ebenda S. 6 f. Nr. 23 ff.; Schweizerische Flüchtlingshilfe, Afghanistan Update vom 14.9.2017, S. 22 ff.; Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 4; UNHCR, International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 12.3.2018, S. 12); ihre Bedrohungslage ist mit jener der Zivilbevölkerung (Auswärtiges Amt ebenda S. 8 ff. Nr. 30 ff.) aber nicht ohne Weiteres vergleichbar (vgl. oben). Trotz der dabei hohen Opferzahl (vgl. auch Schweizerische Flüchtlingshilfe, Afghanistan Update vom 14.9.2017, S. 13 f.) sind die von der Rechtsprechung an die Annahme einer beachtlichen Wahrscheinlichkeit von Schaden an Leib oder Leben gestellten Anforderungen nicht erfüllt (vgl. nur BayVGH, B.v. 23.5.2017 – 13a ZB 17.30314 – Rn. 7 m.w.N.). Auf zahlenmäßige Relationen kann auch nicht deswegen verzichtet werden, weil keine gesicherte Einwohnerzahl vorläge und bereits deswegen auf die bloße Quantität von Anschlägen in Kabul abzustellen wäre (so aber das Schweizerische Bundesverwaltungsgericht, U.v. 13.10.2017 – D-5800/2016 – Urteilsabdruck S. 21, 24). Im Gegenteil hat dieselbe Opferzahl in einer dünnbesiedelten Region andere Auswirkungen auf die Sicherheitslage als in einer dichtbesiedelten Metropole wie Kabul. Die o.g. genannten Daten zu Grunde gelegt erreicht die allgemeine Gefährdungslage in Kabul keine Intensität, dass Stadt und Provinz Kabul im Hinblick auf die allgemeine Sicherheitslage als Fluchtalternative nicht mehr geeignet wären (vgl. BayVGH, B.v. 11.12.2017 – 13a ZB 17.31374 – juris Rn. 6 ff.). Daran wird auch im vorliegenden Fall festgehalten.
29
Eine landesweite gezielte Verfolgung ist nicht plausibel, u.a. deswegen, weil sich der Kläger in keiner Weise so exponiert hat, dass ihn die Taliban gezielt bei einer Rückkehr suchen und töten sollten; ein Untertauchen in der Millionenstadt Kabul ohne Meldewesen ist ihm ohne Weiteres möglich. Das Verfolgungsinteresse hängt vom jeweiligen Einzelfall ab (vgl. Stahlmann, Asylmagazin 2017, 82/88). Gerade in Kabul leben mindestens 3 Mio., nach informellen Schätzungen aber 7 Mio. Menschen (vgl. auch das Schweizerische Bundesverwaltungsgericht, U.v. 13.10.2017 – D-5800/2016 – Urteilsabdruck S. 21), wobei fast alle Volksgruppen vertreten sind, insbesondere Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen, Baluchen, Sikh und Hindu, ohne dass eine Volksgruppe unter ihnen deutlich vorherrscht. Auch wenn die Angehörigen der Volksgruppen zu einer Ansiedlung bei ihren Familien oder im Kreis ihrer Volksgruppe neigen, haben sich doch auch Volksgruppen-übergreifende Nachbarschaften gebildet (EASO Country of Origin Information Report, Afghanistan, Key socio-economic indicators etc., August 2017, S. 17, https://coi.easo.europa.eu/administration/easo/PLib/EASO _COI_Afghanistan_IPA_August2017.pdf). Dass Taliban gerade in größeren Städten Netzwerke unterhalten, ist bekannt. Schätzungen reichen von 500 bis 1.500 Spionen in Kabul. Allerdings richtet sich ihr Interesse wegen ihrer personell begrenzten Möglichkeiten dort auf prominente Personen wie Parlamentsmitglieder, Regierungsmitglieder und höherrangige Angehörige der Streitkräfte; nicht prominente Personen und ihre Familienangehörigen bleiben bis auf spezifische persönliche Feindschaften und Rivalitäten unbehelligt (EASO, Afghanistan, Individuals targeted by armed actors in the conflict, coi.easo.europa.eu/administration/easo /PLib/Afghanistan_targeting_conflict.pdf, S. 63 f.). Beobachter für EASO schätzten die Zahl derer, die von den Taliban in größeren Städten Afghanistans gezielt gesucht und verfolgt würden, auf wenige Dutzend Personen, höchstens 100 Personen (EASO, a.a.O., S. 64). Alle übrigen nicht prominenten Personen und deren Familien, die auch keine persönlichen Feindschaften mit Taliban-Mitgliedern pflegten, würden die Taliban grundsätzlich bei einem Umzug in die Stadt nicht aufzuspüren versuchen. Selbst bei Wahrunterstellung des klägerischen Vortrags ist eine landesweite gezielte Verfolgung daher nicht plausibel. Dass Taliban u.a. landesweit im Jahr 2017 gezielt 530 Zivilisten getötet und 339 Zivilisten verletzt haben sollen (vgl. AI, Auskunft vom 8.1.2018 an das VG Leipzig, S. 6), widerspricht der Annahme einer individuell und regional unterschiedlichen Bedrohungslage nicht. Der Kläger hält sich seit Jahren nicht mehr in Afghanistan auf. Es ist nicht erkennbar, warum die Taliban gerade an der Rekrutierung des Klägers – einem damals arbeitslosen Analphabeten ohne Kampferfahrung oder sonstigen besonderen Kenntnissen – ein besonderes Interesse haben sollten, so dass sie ihn auch in Kabul suchen sollten.
30
(2) Dem Kläger ist Kabul auch wirtschaftlich zumutbar. Ihm droht erst recht keine erhebliche konkrete Gefahr für Leib oder Leben wegen der allgemeinen Versorgungslage in Kabul (dazu sogleich). Das Gericht geht davon aus, dass der Kläger seinen Lebensunterhalt in Kabul sicherstellen kann (vgl. hierzu auch BayVGH, B.v. 14.1.2015 – 13a ZB 14.30410 – juris Rn. 5). Auch wenn hierfür mehr zu fordern ist als ein kümmerliches Einkommen zur Finanzierung eines Lebens am Rande des Existenzminimums (vgl. BVerwG, U.v. 31.1.2013 – 10 C 15/12 – juris Rn. 20), ist doch vernünftigerweise zu erwarten, dass der Kläger sich in Kabul aufhält und seinen Lebensunterhalt dort sicherstellt. Es ist zu erwarten, dass der Kläger als gesunder Mann auch ohne nennenswertes Vermögen oder familiäre bzw. sonstige Kontakte seinen Lebensunterhalt in Kabul sicherstellen kann (vgl. BayVGH, B.v. 24.1.2018 – 13a ZB 17.31611 – Rn. 6 m.w.N.; VGH BW, U.v. 17.1.2018 – A 11 S 241/17 – juris Rn. 470 ff.).
Zwar wird darauf verwiesen, der Zugang zu Wohnung und Arbeit hänge maßgeblich von Netzwerken vor Ort ab (vgl. Stahlmann, Asylmagazin 2017, 73/76 f., 78), allerdings ist nicht davon auszugehen, dass die große Zahl aus den Nachbarstaaten zurückkehrender Afghanen über solche verfügt (Stahlmann, Asylmagazin 2017, 73/75 spricht von über 1 Mio. Rückkehrern allein im Jahr 2016; bestätigt durch Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.72017, S. 10 f. Nr. 37 f. unter Verweis auf UNHCR: etwa 670.000 Binnenvertriebene im Jahr 2016; EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 19, www.ecoi.net/en/file/local/1422958/ 1226_1517217590 afghanistan-networks.pdf, nennt 600.000 afghanische Rückkehrer aus Pakistan und mehr als 440.000 aus dem Iran im Jahr 2016). Etwa 280.000 bisher im Jahr 2017 aus Iran und Pakistan zurückgekehrten Afghanen stehen etwa 150.000 Binnenvertriebenen bisher im Jahr 2017 gegenüber (Auswärtiges Amt, Lagebeurteilung vom 28.7.2017, S. 10 f. Nr. 37 f. unter Verweis auf UNHCR und IOM). Die Gesamtzahl der Binnenvertriebenen wurde für Ende 2017 auf etwa 2 Mio. Personen geschätzt (Amnesty International, Zurück in die Gefahr 2017, S. 12; dazu auch Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 45). Insgesamt leben rund 6.5 Mio. Afghanen außer Landes, etwa 18,4% der Gesamtbevölkerung (BT-Drs. 19/1120, S. 14). Durch diese Auflösung überkommener Strukturen besteht die soziale Notwendigkeit, neue und von gewachsenen Strukturen unabhängige Netzwerke unter den Rückkehrern zu bilden.
In diesem Sinne werden dauerhafte familien- und stammesbasierte Netzwerken einerseits und sich dynamisch wandelnde sektorspezifische Netzwerke beispielsweise in der Wirtschaft andererseits (sog. quam) unterschieden (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 10, 18 f.). Traditionelle Netzwerke haben durch Landflucht und Verstädterung sowie die Folgen des Krieges an Wirksamkeit abgenommen. Gleichwohl ist es zuerst die erweiterte generationenübergreifende Familie vorrangig väterlicherseits, welche die Existenz des Einzelnen sichert und umgekehrt seine Arbeitskraft für die Gruppe beansprucht und wesentlich auf der Blutsbeziehung beruht, während andere Netzwerke auf persönlichen Beziehungen der Beteiligten untereinander beruhen (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 12 f., 14). Selbst durch Auslandsaufenthalte abgeschwächte Familienbande lassen sich durch Rückkehrer wieder stärken; je länger ein Afghane allerdings im Ausland gelebt hat, desto schwieriger ist die Wiederaufnahme solcher Beziehungen (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 13 f.). Die Familiengruppe (Clan) ist die erweiterte Großfamilie, der Stamm die durch gemeinsame Vorfahren gebildete Großgruppe, deren Bedeutung in der paschtunischen Volksgruppe am deutlichsten ausgeprägt ist und sich in der privaten Aufnahme Hunderttausender Paschtunen aus Pakistan durch Paschtunen in Afghanistan während einer pakistanischen Militäroffensive in den dortigen westlichen Stammesgebieten zeigte (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 15 f.). Nicht familienbasierte Netzwerke (quam), z.B. aus gemeinsamer Zeit in demselben Beruf, an derselben Universität oder auch in demselben Flüchtlingslager können ebenfalls Unterstützung sichern, die umso größer ist, je enger das Vertrauensverhältnis der Personen untereinander ist (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 17). Wanderung insbesondere junger Männer zur Arbeitsaufnahme und Unterstützung des Familienverbandes ist Afghanen keineswegs fremd, sondern charakteristisch für eine weitverbreitete Strategie zur Unterstützung Einzelner und der Gruppe (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 19). Einen minderjährigen Familienangehörigen in die Fremde, gar nach Europa zu schicken, ist eine Entscheidung der gesamten Familie und ohne deren Billigung und Unterstützung auch nicht möglich; sie erhofft sich dadurch finanzielle Unterstützung und eine personenbezogene Verankerung in der Ferne des Westens mit der Möglichkeit, die restliche Familie nachzuholen, zumal Afghanen mit den Asylumständen in Europa vertraut sind und für Minderjährige ein leichter erlangbares Bleiberecht erhoffen (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 20 f.). Im Jahr 2017 überwiesen Afghanen aus dem Ausland 479 Mio. USD in ihre Heimat – für viele Familie eine wichtige Einkommensquelle (BT-Drs. 19/1120, S. 15). Erfahrungsgemäß halten Afghanen im Ausland – auch in Europa – enge Verbindung zu ihrer Großfamilie, selbst wenn ihnen (und besonders Minderjährigen) geraten wird, in Asylverfahren deren Existenz zu verneinen (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 23). Die tatsächlich enge Verbindung zeigt sich sowohl im Heiratsverhalten von Auslandsafghanen innerhalb der eigenen ethnischen Gruppe bis hin zu Familiennachzügen aus Afghanistan einerseits sowie in den enormen finanziellen Rückflüssen aus dem Westen nach Afghanistan, die nach (wegen des informellen hawala-Systems nur) Schätzungen der Weltbank von rund 85. Mio. USD im Jahr 2008 auf rund 300 Mio. USD im Jahr 2015 angestiegen sind (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 24, zu hawala ebenda S. 31). Der Kontakt wird vorwiegend über Mobiltelefone gehalten, von denen mindestens die Hälfte der Großfamilien über eines verfügt bei rund 25 Mio. Anschlussnehmern und fünf großen Netzanbietern in Afghanistan, zunehmend auch über Internet (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 25 f.).
Letztlich kommt es auf die individuelle Rückkehrsituation für alleinstehende leistungsfähige Männer bzw. für verheiratete Paare im berufsfähigen Alter an (vgl. BayVGH, B.v. 19.6.2017 – 13a ZB 17.30400 – juris Rn. 15) bezogen auf Unterkunft und Arbeit. Insofern bemerkenswert ist, dass die Volksgruppen in Kabul an ethnisch getrennten Wohnformen nicht mehr festhalten (können): So sind in Kabul fast alle Volksgruppen vertreten, insbesondere Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Usbeken, Turkmenen, Baluchen, Sikh und Hindu, ohne dass eine Volksgruppe unter ihnen deutlich vorherrscht. Auch wenn die Angehörigen der Volksgruppen zu einer Ansiedlung bei ihren Familien oder im Kreis ihrer Volksgruppe neigen (Nutzung von quam, EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 17), haben sich doch auch Volksgruppen-übergreifende Nachbarschaften gebildet (EASO Country of Origin Information Report, Afghanistan, Key socio-economic indicators etc., August 2017, S. 17, 68 a.E., coi.easo.europa.eu/administration/ easo/PLib/EASO _COI_Afghanistan IPA_August 2017.pdf; die ethischen „Dörfer in der Stadt“ betont EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, a.a.O. S. 11).
Die Kernherausforderung ist, trotz der geschätzten Arbeitslosenrate von 40% eine Beschäftigung zu finden, wobei die Beschäftigungsquote von Frauen in Vollzeit in einem männerdominierten Arbeitsmarkt ohnehin gering ist (in Kabul und Herat ca. 20%, in Mazar-e-Sharif ca. 5%). Etwa 90% der Arbeitsplätze sind nicht dauerhaft und die Arbeitslosenrate unter jungen Menschen (15 – 24 Jahre) deutlich höher als in der übrigen männlichen Bevölkerung (EASO Country of Origin Information Report, Afghanistan, Key socio-economic indicators etc. a.a.O. S. 22; zum Ganzen auch UNHCR, International Protection Needs of Asylum-Seekers from Afghanistan vom 12.3.2018, S. 19). Die Beschäftigung weist hauptsächlich zwei Arten von Arbeitsverhältnissen auf, förmliche Arbeitsstellen in Regierung, Hilfsorganisationen und einem Teil der Wirtschaft mit etwa 20% der Arbeitsverhältnisse in den Städten, sowie unqualifizierte Stellen in den Bazaren, als Tagelöhner im Bausektor (mit sinkendem Anteil in Folge des Rückgangs des internationalen Militärengagements) und in der Landwirtschaft sowie in familiären Netzwerken (ebenda S. 22). Hingegen können trotz der hohen Arbeitslosenrate tausende Stellen für qualifizierte Beschäftigte nicht besetzt werden (ebenda S. 23). Die Beschäftigungsmöglichkeiten für Rückkehrer hängen insbesondere von Bildung (Sprache, Schrift, Rechenfähigkeit) und Erfahrung ab, wobei Rückkehrer u.a. ihre Migrationserfahrung je nach Einzelfall für sich einsetzen können (ebenda S. 24; auch EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 27 f.). Der durch den Rückzug der internationalen Truppen ausgelöste Rückgang der Wirtschaftsentwicklung hat sich nunmehr etwas stabilisiert (BT-Drs. 19/1120, S. 3 f.), was sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirkt.
In der Provinz Kabul hängen die meisten Beschäftigungsverhältnisse noch direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab, auch hier hat sich die Perspektive einer Beschäftigung trotz im Landesvergleich besserer Aussichten durch die verschlechterte Sicherheitslage und den Rückgang des international militärischen Engagements verschlechtert (EASO Country of Origin Information Report, Afghanistan, Key socio-economic indicators etc. a.a.O. S. 28). Für Rückkehrer ist auch für ihren Zugang zu grundlegenden Rechten, förmlicher Beschäftigung und Unterkunft der Besitz von Identitätspapieren entscheidend (ebenda S. 40 f.). In der Zusammenfassung sind die Schwierigkeiten für Rückkehrer umso größer, je geringer ihre Arbeitsfähigkeit, ihre Bildung oder Vertrautheit mit den Lebensverhältnissen in Kabul ist (ebenda S. 103; ähnlich Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 15, 44, 55 f.), wobei familiäre Netzwerke solche Defizite eher auffangen können (EASO ebenda S. 65 f.) und die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe den Zugang zu einer Arbeit zwar nicht allein ermöglicht, aber erleichtern und Vorurteile gegenüber Rückkehrern mindern kann (ebenda S. 68; zum Ganzen auch Asylos, Afghanistan: Situation of young male „Westernised“ returnees to Kabul, August 2017, S. 29 ff., 42 ff.; Amnesty International, Zurück in die Gefahr 2017, S. 20, 24, 32; auch EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 27 f.; Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 50 ff., 65, 69 f.).
Soweit geltend gemacht wird, abgeschobene Afghanen würden als Straftäter, Gefährder oder Apostaten stigmatisiert und erhielten deswegen keinen Zugang zu Netzwerken (vgl. Amnesty International – AI, Auskunft an das VG Wiesbaden vom 5.2.2018, S. 65; AI, Auskunft vom 8.1.2018 an das VG Leipzig, S. 11 ff.), ist darauf hinzuweisen, dass Ausreisepflichtige dem behaupteten Stigma durch eine freiwillige Erfüllung ihrer Ausreisepflicht entgehen können und zudem nach den in Afghanistan vorherrschenden Rechtsschulen ein vom Islam Abgefallener zur Reue aufgefordert werden muss und Gelegenheit zum Widerruf des Glaubenswechsel erhalten muss (vgl. VG Würzburg, U.v. 30.9.2016 – W 1 K 16.31807 – juris Rn. 23 f.). Ein automatischer Ausschluss aus Netzwerken in Afghanistan ist daher nicht zu befürchten, insbesondere wenn der Rückkehrer zuvor erfolgreich die Großfamilie aus dem Ausland unterstützt hat (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 24 f.).
Ebenso wenig erfolgt zwangsläufig eine nähere Überprüfung der Abgeschobenen durch afghanische Sicherheitskräfte. So teilte zwar das Bundesministerium des Innern zur Sammelabschiebung im Dezember 2017 mit, dass der afghanischen Seite bekannt sei, „dass Straftäter, Gefährder (und) Mitwirkungsverweigerer zurückgeführt werden“; außerdem würden „die Namen der Betroffenen übermittelt“. Beamte des Flüchtlingsministeriums in Kabul und der Grenzpolizei hätten allerdings gesagt, sie bekämen diese Informationen nicht. Auf afghanischer Seite gab es nach ersten Erkenntnissen keine besonderen Maßnahmen. „Hier ist niemand der Polizei übergeben worden“, habe der Leiter der Beobachtungsgruppe im Flüchtlingsministerium erläutert (vgl. Süddeutsche Zeitung online vom 7.12.2017, Achter Abschiebeflug erreicht Kabul, www.sueddeutsche.de/news/politik/ migration-achter-abschiebeflug-erreicht-kabul-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-171207-99-177718). Dies bestätigt, dass die Bundesrepublik afghanischen Behörden drei Woche vor dem geplanten Flug die Identitäten der für die Abschiebung vorgesehenen Personen mitteilt und die Daten kurz vor dem Flug aktualisiert (BT-Drs. 19/632, S. 3); Angaben über im Bundesgebiet begangene Straftaten werden nicht übermittelt, nur Hinweise auf zurückgeführte Gefährder (BT-Drs. 19/632, S. 4). Die Bundesregierung hält vorläufig daran fest, nur Straftäter, Gefährder und hartnäckig sich ihrer Identifizierung Verweigernde abzuschieben, im Jahr 2017 insgesamt 121 Personen aus über 250.000 in Deutschland aufhältigen und mehr als 14.000 ausreisepflichtigen Afghanen (BT-Drs. 19/1120, S. 15).
Angesichts der Bevölkerungsfluktuation in Afghanistan durch Rückkehrer auch aus dem benachbarten Ausland kann auf das Vorhandensein von bestehenden Netzwerken gerade nicht maßgeblich abgestellt werden (so aber das Schweizerische Bundesverwaltungsgericht, U.v. 13.10.2017 – D-5800/2016 – www.bvger.ch, Urteilsabdruck S. 26 f. selbst für junge gesunde Männer), weil auch solche Netzwerke keine statischen Gebilde sind und ihre Veränderung bzw. Neubildung nicht ausgeschlossen sondern auch unter Afghanen möglich und zumutbar ist, wie ihre Neubildung auch in Europa zeigt.
Dass dem Kläger verwehrt wäre, ggf. neue Netzwerke zu bilden, ist nicht ersichtlich. Er ist volljährig und arbeitsfähig; mit den Verhältnissen in Afghanistan vertraut und hat dort lange Zeit gelebt. Dabei ist maßgeblich nicht einmal ein Vertrautsein erforderlich, sondern es genügt für einen Rückkehrer, wenn er den größten Teil seines Lebens in einer islamisch geprägten Umgebung verbracht hat und eine der beiden Landessprachen spricht (BayVGH, B.v. 13.12.2016 – 13a ZB 16.30116 – Rn. 4; BayVGH, B.v. 29.6.2017 – 13a ZB 17.30597 – Rn. 6), was beim in Afghanistan geborenen, aufgewachsenen und Paschtu sprechenden Kläger der Fall ist. Der Kläger verfügt zudem über Arbeitserfahrung sowohl in Afghanistan als auch in der Bundesrepublik. Es ist daher davon auszugehen, dass er über die nötigen Fähigkeiten verfügt, seinen Lebensunterhalt auch unter schwierigen Umständen sicherzustellen und allein zurechtzukommen. Eine Rückkehr nach Afghanistan scheitert grundsätzlich nicht am fehlenden vorherigen Aufenthalt im Herkunftsland; maßgeblich ist, dass eine der beiden Landessprachen Dari oder Paschtu gesprochen wird (vgl. BayVGH, B.v. 29.6.2017 – 13a ZB 17.30597 – Rn. 6 m.w.N.). Im Übrigen sind unter Berücksichtigung der Auskunftslage insbesondere Rückkehrer aus dem Westen in einer Position, die durchaus auch Perspektiven im Hinblick auf die Sicherung des Lebensunterhalts eröffnet (vgl. BayVGH, U.v. 13.5.2013 – 13a B 12.30052 – juris Rn. 12; VGH BW, U.v. 17.1.2018 – A 11 S 241/17 – juris Rn. 479, 484, 493). Zudem stehen ihm auch Rückkehrhilfen zur Verfügung (vgl. BAMF an VG Augsburg vom 12.8.2016), die jedenfalls für die Anfangszeit einer Wiedereingliederung des Klägers in die afghanischen Verhältnisse sein Auskommen sichern, bis er aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt sichern kann (aus GARP-Mitteln 500 Euro je Erwachsener, aus ERIN-Mitteln ca. 700 Euro, näher dazu VG Augsburg, U.v. 18.10.2016 – Au 3 K 16.30949 – Rn. 21 m.w.N.; auch Asylos, Afghanistan: Situation of young male „Westernised“ returnees to Kabul, August 2017, S. 19, 21, asylos.eu/wp-content/uploads/2017/08/AFG2017-05-Afghanistan-Situation-of-young-male-Westernised-returnees-to-Kabul-1.pdf; zudem BT-Drs. 19/1120, S. 15 f.), wobei nur ein Sechstel der Rückkehrer auch Leistungen nach der Rückkehr in Anspruch nahm (Asylos ebenda S. 20). Hinzu kommt z.B. eine von Deutschland unterstützte Hilfsorganisation vor Ort (IPSO), welche psycho-soziale Hilfe für 400 bis 500 Personen am Tag anbietet wie u.a. Übungen für Kenntnisse des Alltags in Afghanistan, Einzelberatung, und handwerkliche Fähigkeiten (Asylos ebenda S. 53 m.w.N.), sowie eine von IOM unterhaltene Unterkunftsmöglichkeit für die ersten zwei Wochen nach der Ankunft (EASO, Afghanistan Networks, Februar 2018, S. 30).
31
(3) Dem Kläger ist Kabul auch in Hinblick auf seine vorgetragenen Erkrankungen als innerstaatliche Fluchtalternative zumutbar. Insbesondere ist der Kläger erwerbsfähig.
32
Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Kläger nicht an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet und ihm eine Erwerbstätigkeit in Kabul daher möglich und zumutbar ist.
33
Zwar hat der Klägerbevollmächtigte in der mündlichen Verhandlung ein Attest (Dr., 27.3.2018) vorgelegt, nach dem der Kläger an einer posttraumatischen Belastungsstörung leide. Der Kläger gab jedoch auch auf mehrmalige Nachfrage des Klägerbevollmächtigten an, ausschließlich wegen seiner Schmerzen im Bein in Behandlung zu sein und nicht an psychischen Problemen zu leiden. Insoweit bestätigte er in der mündlichen Verhandlung seinen Vortrag im Rahmen der Anhörung vor dem Bundesamt, keine psychischen Probleme zu haben. Der Kläger hat sich damit von den Feststellungen des Attestes klar distanziert, dem dadurch kein Beweiswert mehr zukommt (vgl. zum Attest unten 3.).
34
Der Kläger hat auch nicht hinreichend dargelegt, wegen seiner Verletzung am Bein erwerbsunfähig zu sein.
35
Dem steht schon entgegen, dass der Kläger nach eigenem Vortrag seit acht Monaten (und damit auch während der Wintermonate) vier- bis sechsmal pro Woche in Vollzeit bei ... in der Küche arbeitet. Er ist daher in der Lage, auch körperlich anstrengende, unqualifizierte Tätigkeiten mit erfahrungsgemäß längerem Stehen und Gehen auszuführen (vgl. zu den vorgelegten Attesten unten 3.).
36
2. Der Kläger hat auch keinen Anspruch auf Gewährung subsidiären Schutzes i.S. des § 4 Abs. 1 AsylG. Er hat keine stichhaltigen Gründe für die Annahme vorgebracht, dass ihm bei einer Rückkehr nach Afghanistan ein ernsthafter Schaden i.S. des § 4 Abs. 1 Satz 2 Nrn. 1 bis 3 AsylG droht. Hier steht dem Kläger zudem interner Schutz offen (§ 4 i.V.m. § 3e AsylG, vgl. oben).
37
3. Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 oder Abs. 7 Satz 1 AufenthG liegen ebenfalls nicht vor. Auf den Bescheid des Bundesamts wird Bezug genommen (§ 77 Abs. 2 AsylG) und ergänzend auf obige Ausführungen zur zumutbaren Fluchtalternative verwiesen.
38
Nach § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG soll von der Abschiebung eines Ausländers in einen anderen Staat abgesehen werden, wenn dort für diesen Ausländer eine erhebliche konkrete Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit besteht. Eine erhebliche konkrete Gefahr aus gesundheitlichen Gründen liegt nur vor bei lebensbedrohlichen oder schwerwiegenden Erkrankungen, die sich durch die Abschiebung wesentlich verschlechtern würden (§ 60 Abs. 7 Satz 2 AufenthG). Es ist nicht erforderlich, dass die medizinische Versorgung im Zielstaat mit der Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland gleichwertig ist (§ 60 Abs. 7 Satz 3 AufenthG). Eine ausreichende medizinische Versorgung liegt in der Regel auch vor, wenn diese nur in einem Teil des Zielstaats gewährleistet ist (§ 60 Abs. 7 Satz 4 AufenthG). Dabei erfasst diese Regelung nur solche Gefahren‚ die in den spezifischen Verhältnissen im Zielstaat begründet sind‚ während Gefahren‚ die sich aus der Abschiebung als solche ergeben‚ nur von der Ausländerbehörde als inlandsbezogenes Vollstreckungshindernis berücksichtigt werden können (stRspr. zu § 53 Abs. 6 Satz 1 AuslG; vgl. BVerwG‚ U.v. 29.10.2002 – 1 C 1.02 – DVBl 2003, 463; U.v. 25.11.1997 – 9 C 58.96 – BVerwGE 105‚ 383 m.w.N.). Eine „erhebliche konkrete Gefahr“ im Falle einer zielstaatsbezogenen Verschlimmerung einer lebensbedrohlichen oder schwerwiegenden Erkrankung ist daher gegeben, wenn sich der Gesundheitszustand alsbald nach der Rückkehr in den Heimatstaat wegen der dortigen Behandlungsmöglichkeiten wesentlich oder gar lebensbedrohlich verschlechtern würde (vgl. BVerwG, U.v. 22.3.2012 – 1 C 3.11 – BVerwGE 142, 179; B.v. 17.8.2011 – 10 B 13.11 – juris; BayVGH, U.v. 17.3.2016 – 13a B 16.30007 – juris). Gründe hierfür können nicht nur fehlende Behandlungsmöglichkeiten im Zielstaat sein, sondern etwa auch die tatsächliche Nichterlangbarkeit einer an sich vorhandenen medizinischen Behandlungsmöglichkeit aus finanziellen oder sonstigen persönlichen Gründen (vgl. BVerwG, U.v. 17.10.2006 – 1 C 18/05 – BVerwGE 127, 33).
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Der sich auf eine seiner Abschiebung entgegenstehende Erkrankung berufende Ausländer muss diese durch eine qualifizierte, gewissen Mindestanforderungen genügende ärztliche Bescheinigung glaubhaft machen (BayVGH, B.v. 27.11.2017 – 9 ZB 17.31302 – juris Rn. 4). Aus dem vorgelegten Attest muss sich nachvollziehbar ergeben, auf welcher Grundlage die Diagnose gestellt wurde und wie sich die Krankheit im konkreten Fall darstellt. Dazu gehören etwa Angaben darüber, seit wann und wie häufig sich der Patient in ärztlicher Behandlung befunden hat und ob die von ihm geschilderten Beschwerden durch die erhobenen ärztlichen Befunde bestätigt werden. Zudem sollte das Attest Aufschluss über die Schwere der Krankheit, deren Behandlungsbedürftigkeit sowie den bisherigen Behandlungsverlauf (Medikation und Therapie) geben.
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Es entspricht inzwischen gefestigter Rechtsprechung (vgl. BayVGH, B.v. 9.11.2017 – 21 ZB 17.30468 – juris Rn. 4; B.v. 10.1.2018 – 10 ZB 16.30735 – juris Rn. 8; OVG NRW, B.v. 9.10.2017 – 13 A 1807/17A – juris Rn. 19 ff.; OVG LSA, B.v. 28.9.2017 – 2 L 85/17 – juris Rn. 2 ff.), dass die Anforderungen an ein ärztliches Attest gemäß § 60a Abs. 2c AufenthG auf die Substantiierung der Voraussetzungen eines krankheitsbedingten Abschiebungsverbotes nach § 60 Abs. 7 AufenthG zu übertragen sind (vgl. BayVGH, B.v. 24.1.2018 – 10 ZB 18.30105 – juris Rn. 7).
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Aus den vom Kläger vorgelegten Attesten ergibt sich nicht, dass eine lebensbedrohliche oder schwerwiegende Erkrankung i.S.d. § 60 Abs. 7 Satz 1 AufenthG vorliegt. Des Weiteren erfüllen die Atteste nicht die Voraussetzungen des § 60a Abs. 2c AufenthG.
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a) Aus dem vorgelegten Attest vom 3. April 2018, das beim Kläger eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert, ergibt sich weder eine lebensbedrohliche Erkrankung des Klägers, noch erfüllt das Attest die entsprechenden Voraussetzungen (zur Distanzierung des Klägers vom Attest vgl. oben).
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(1) Aus dem Attest ergibt sich nicht, dass es sich bei der beim Kläger diagnostizierten posttraumatischen Belastungsstörung um eine schwerwiegende oder gar lebensbedrohliche Erkrankung handelt.
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Es fehlen gänzlich Ausführungen zur Schwere der Krankheit bzw. zu den Beeinträchtigungen des Klägers. Insbesondere eine hohe Wahrscheinlichkeit für selbstverletzende oder suizidale Handlungen ist nicht dargelegt. Insoweit kann nicht davon ausgegangen werden, dass die diagnostizierte Erkrankung für den Kläger lebensbedrohlich oder auch nur schwerwiegend ist und sich die Krankheit bei einer Abschiebung wesentlich verschlechtern würde.
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(2) Des Weiteren erfüllt das Attest weder die Anforderungen des § 60a Abs. 2c AufenthG (vgl. BayVGH, B.v. 24.1.2018 – 10 ZB 18.30105 – juris Rn. 7), noch die Anforderungen, die die Rechtsprechung speziell für die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickelt hat.
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Angesichts der Unschärfen des Krankheitsbilds sowie seiner vielfältigen Symptome ist nämlich hinsichtlich einer posttraumatischen Belastungsstörung regelmäßig die Vorlage eines inhaltlich gewissen Mindestanforderungen genügenden und zeitlich hinreichend aktuellen fachärztlichen Attests zu verlangen. Aus diesem muss sich nachvollziehbar ergeben, auf welcher Grundlage der Facharzt seine Diagnose gestellt hat und wie sich die Krankheit im konkreten Fall darstellt. Dazu gehören etwa Angaben darüber, seit wann und wie häufig sich der Patient in ärztlicher Behandlung befunden hat und ob die von ihm geschilderten Beschwerden durch die erhobenen Befunde bestätigt werden. Des Weiteren sollte das Attest Aufschluss über die Schwere der Krankheit, deren Behandlungsbedürftigkeit sowie den bisherigen Behandlungsverlauf (Medikation und Therapie) geben. Wird das Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung auf traumatisierende Erlebnisse im Heimatland gestützt und werden die Symptome erst längere Zeit nach der Ausreise aus dem Heimatland vorgetragen, so ist in der Regel auch eine Begründung dafür erforderlich, warum die Erkrankung nicht früher geltend gemacht worden ist (vgl. BVerwG, U.v. 11.9.2007 – 10 C 8/07 – BVerwGE 129, 251 – juris Rn. 15; B.v. 26.7.2012 – 10 B 21/12 – juris Rn. 7; BayVGH, B.v. 2.12.2013 – 11 ZB 13.30303 – juris Rn. 8; B.v. 17.10.2012 – 9 ZB 10.30390 – juris Rn. 7; U.v. 9.1.2018 – 10 ZB 16.30102 – juris Rn. 8).
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Diesen Anforderungen genügt das vorliegende Attest nicht einmal ansatzweise. Es wurde von einem Facharzt für Allgemeinmedizin ausgestellt. Für eine komplexe Diagnose wie eine posttraumatische Belastungsstörung ist jedoch eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung, die regelmäßig nur in einem Facharzt für Psychiatrie oder Neurologie manifestiert, erforderlich. Im Übrigen beschränkt sich das Attest auf wenige Sätze, in denen eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wird. Angaben u.a. zur Grundlage der Diagnose, dem konkreten Krankheitsbild, zur Zahl der Behandlungen und zur Schwere der Krankheit fehlen.
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b) Der Kläger hat des Weiteren auch nicht glaubhaft gemacht, dass er in Hinblick auf seine Beinverletzung an einer lebensbedrohlichen oder schwerwiegenden Erkrankung leidet, die sich durch eine Abschiebung wesentlich verschlechtern würde. Auch die diesbezüglichen Atteste genügen nicht den Anforderungen des § 60a Abs. 2c AufenthG.
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(1) Aus den Attesten ergibt sich schon nicht, dass der Kläger überhaupt an einer schwerwiegenden Erkrankung leidet, die sich durch eine Abschiebung wesentlich verschlechtern würde.
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Im Kurzbericht vom 10. Juni 2015 wird lediglich festgestellt, dass der Kläger seit dem Morgen dieses Tages starke Schmerzen in der Wade hat. Weder wurden chronische Schmerzen festgestellt noch der Kläger stationär aufgenommen, sondern lediglich die Anbindung an einen Hausarzt und eine Schmerzbehandlung mit Ibuprofen und Novalgin bei Bedarf empfohlen. Diagnostiziert wurden lediglich der Ausschluss von Fremdkörpern (Granatensplitter), ein Thromboseausschluss und dass kein Anhaltspunkt für eine Osteomyelitis (Entzündung des Knochenmarks) bestehe. Der Kläger zeige Druckschmerz an der Wade, jedoch keine Entzündungszeichen und keine knöchernen Auffälligkeiten. Aus diesen Feststellungen ergibt sich keine schwerwiegende oder gar lebensbedrohliche Erkrankung. Zur Frage, ob sich die Erkrankung bei einer Rückkehr nach Afghanistan alsbald wesentlich verschlechtern würde, trifft der Kurzbericht keine Aussage.
Auch das Attest vom 30. November 2015 enthält keine Aussage zu einer alsbaldigen Verschlechterung bei einer Rückkehr. Vielmehr bestätigt es die Feststellungen des ersten Attestes, nach dem der Kläger zwar angibt, Schmerzen zu haben, körperlich jedoch das Narbengewebe reizlos und gut verheilt zu sein scheint, so dass die Schmerzursache nicht ermittelt werden kann (Diagnose: unklare Schmerzen).
Ebenso verhält es sich mit dem Attest vom 5. April 2017. Der Kläger gebe an, ziehende Schmerzen in der Wade zu haben; die Gelenke seien jedoch frei beweglich. Eine Narbenkorrektur der Haut sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll und in diesem Ausmaß auch nicht möglich. Als weiteres Vorgehen werde eine Kernspinuntersuchung empfohlen.
Zusammenfassend ergibt sich aus den vorgelegten Attesten weder, dass der Kläger schwerwiegend erkrankt ist, noch, dass sich die Erkrankung bei einer Rückkehr nach Afghanistan alsbald wesentlich verschlechtern würde. Im Gegenteil ist das Narbengewebe gut verheilt und eine Narbenkorrektur auch in der Bundesrepublik nicht möglich. Empfehlungen für eine Medikation enthält das jüngste Attest nicht.
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Gegen das Vorliegen einer schwerwiegenden Erkrankung spricht auch der Umstand, dass der Kläger seit acht Monaten im körperlich als anstrengend einzustufenden Bereich der Systemgastronomie in Vollzeit erwerbstätig ist (vgl. oben).
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Der Kläger hat auch nicht glaubhaft gemacht, zwingend auf eine dauerhafte Medikation angewiesen zu sein. Im letzten Attest vom 5. April 2018 findet sich keine diesbezügliche Empfehlung. Auf Nachfrage in der mündlichen Verhandlung gab er zwar an, Medikamente gegen den Schmerz sowie Salben zu nehmen, konnte indes keines der Medikamente mit Namen nennen. Im Übrigen sind schmerzlindernde Medikamente wie beispielsweise Ibuprofen, Paracetamol und Acetylsalicylsäure wie auch verschiedene Opioide in Afghanistan erhältlich (vgl. National Essential Medicines List of Afghanistan, Juli 2014, S. 31, 33). Da der Kläger bzw. sein ihn unterstützendes Familiennetzwerk in Afghanistan (zum unglaubhaften Vortrag, die Familie habe Afghanistan verlassen, vgl. oben) bisher nach seinem Vortrag in der Lage waren, selbst eine Behandlung des Klägers nach einer schweren Beinverletzung in Pakistan und die Ausreise in die Bundesrepublik zu finanzieren, ist das Gericht davon überzeugt, dass der Kläger sowohl durch eigenen Erwerbstätigkeit als auch durch Unterstützung seiner Familie sich eine etwaige – deren Erforderlichkeit nicht glaubhaft gemachte – Medikation wird leisten können.
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Unglaubhaft ist des Weiteren der Vortrag des Klägers, wegen seines Beins alle zwei bis drei Tage, manchmal sogar öfters, in ärztlicher Behandlung zu sein. Eine derart häufige Behandlung ist nur bei besonders schweren und gefährlichen Erkrankungen glaubhaft, zu denen eine Beinverletzung wie die des Klägers nicht zählt. Dass der Kläger – trotz Hinweises in der Ladung – lediglich zwei Atteste aus dem Jahr 2015 und ein Attest vom 5. April 2017 vorlegen konnte, die keine Aussagen zu einer dauerhaften Behandlung des Klägers beinhalten, spricht ebenfalls gegen eine derart engmaschige ärztliche Behandlung. Das Gericht ist davon überzeugt, dass es sich insoweit um eine weitere Schutzbehauptung des Klägers handelt.
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c) Die vorgelegten Atteste hinsichtlich der Beinverletzung erfüllen auch nicht die Voraussetzungen des § 60a Abs. 2c AufenthG an eine qualifizierte ärztliche Bescheinigung.
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Die Atteste genügen schon deshalb nicht den Anforderungen an eine notwendige Substantiierung der schwerwiegenden Erkrankung, weil sie vor über zwei Jahren bzw. vor einem Jahr erstellt wurden und es ihnen damit an Aktualität und Aussagekraft fehlt (vgl. § 77 Abs. 1 AsylG). Bei einer Beinverletzung, die nach Vortrag des Klägers weiterhin umfassend behandlungsbedürftig ist, ist eine ärztliche Bescheinigung nur dann qualifiziert, wenn sie hinreichend aktuell ist, so dass sie den aktuellen Gesundheitszustand des Klägers zutreffend wiedergeben kann. Auch das ein Jahr alte Attest ist jedoch in Hinblick auf den derzeitigen Gesundheitszustand des Klägers insbesondere in Hinblick auf die erst danach erfolgte erstmalige Aufnahme einer Erwerbstätigkeit als Küchenhilfskraft vor acht Monaten nicht aussagekräftig, erst recht nicht die Atteste aus dem Jahr 2015. Der Kläger hat trotz Hinweises in der Ladung kein weiteres, aktuelleres Attest zu seiner Beinverletzung vorgelegt, sondern lediglich ein Attest zu einer posttraumatischen Belastungsstörung.
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4. Nachdem sich auch die Befristung des Einreise- und Aufenthaltsverbotes nach § 11 Abs. 1 AufenthG für den volljährigen Kläger als rechtmäßig erweist, war die Klage mit der Kostenfolge des § 154 Abs. 1 VwGO abzuweisen. Gerichtskosten werden nicht erhoben (§ 83b AsylG). Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus § 167 Abs. 2 VwGO i.V.m. §§ 708 ff. ZPO.