Inhalt

4.2 Unterricht

Dem Unterricht ist grundsätzlich der Lehrplan zugrunde zu legen, der dem vergleichbaren Bildungsgang der allgemeinen Schule entspricht. Der Sprachunterricht ist qualitativ und quantitativ dem jeweiligen Bildungsgang sowie der bereits erworbenen Sprachkompetenz des Kindes oder Jugendlichen anzupassen. Der sonderpädagogische Förderbedarf hat Konsequenzen für die didaktisch-methodischen Entscheidungen bei der Gestaltung des Unterrichts. Unterricht ist entsprechend den erschwerten Lernbedingungen der Schüler und Schülerinnen zu modifizieren. Die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen erfordern eine Differenzierung des Unterrichts. Für Schüler und Schülerinnen mit Lernschwächen oder Lernrückständen sind ergänzende Fördermaßnahmen anzubieten. Um die gleichen Lernziele und Abschlüsse zu erreichen, können die Bildungsinhalte über mehr Jahrgangsstufen verteilt werden als bei den vergleichbaren allgemeinen Schulen.
Aufgabe des Unterrichts in den unteren Jahrgangsstufen ist es vor allem, die bei den einzelnen Schülern und Schülerinnen unterschiedlich vorhandenen Kenntnisse und Fertigkeiten zu erfassen und durch geeignete Methoden zu vertiefen und zu erweitern. Im Unterricht ist zu berücksichtigen, wie weit das hörgeschädigte Kind schon im Frühförderungsbereich gelernt hat, sich sprachlich zu verständigen und soziale Beziehungen aufzunehmen.
Um jene Bildungsziele zu erreichen, die für weiterführende Qualifikationen festgelegt sind, sollen dem Unterricht an Schulen für Gehörlose und an Schulen für Schwerhörige Lehrpläne anderer weiterführender Schularten zugrunde gelegt werden.
Schüler und Schülerinnen mit Hörschädigungen, die weiterführende Schulen besuchen, verfügen häufig nicht über eine altersgemäße Sprachfähigkeit. Darum muss in weiterführenden Bildungsgängen gezielt an der Festigung und Erweiterung der Sprachfähigkeit gearbeitet werden. Der erfolgreiche Besuch weiterführender Bildungsgänge setzt gerade bei Hörgeschädigten ein überwiegend positives Lernverhalten und erhöhte Leistungsfähigkeit und -bereitschaft voraus.
Auch in berufsbezogenen Bildungsgängen kann auf die Förderung der Sprache und des Sprechens nicht verzichtet werden. Es sind darum Lehrgänge in Absehen, Hörtraining, Hörtaktik und in der Nutzung technischer Hilfsmittel anzubieten: manuelle Kommunikationshilfen sind zu berücksichtigen.
Die Lernbedingungen sind insgesamt so zu gestalten, dass die Hörschädigung und ihre Folgen den Erwerb des erforderlichen Wissens und Könnens möglichst wenig behindern:
Die Lehrkräfte müssen über die pädagogisch bedeutsamen Auswirkungen einer Hörschädigung hinreichend informiert sein, um ihre Erziehungsmaßnahmen und den Unterricht behinderungsgemäß und individuell gestalten zu können. Dazu gehören auch gebärdensprachliche Kommunikationskompetenzen.
Die hörgeschädigten Schüler und Schülerinnen bedürfen solcher Klassen und Gruppen, in denen durch begrenzte Schülerzahl, günstige Lichtverhältnisse, angemessene Raumakustik sowie das kommunikative Verhalten der Lehrkräfte und Mitschüler die Sprachwahrnehmung über Ohr und Auge sichergestellt ist.
Grundlage für die Lernorganisation bildet nicht nur ein fachgebundenes Vorgehen im Unterricht, sondern auch eine fächerübergreifende Planung in Verbindung mit dem Sprachunterricht. Sie verlangt Formen, die einen lebensnahen, altersgemäßen und behinderungsbezogenen Umgang mit den Unterrichtsgegenständen ermöglichen:
Es ist dafür zu sorgen, dass der Unterrichtsverlauf in einem ausgewogenen Wechsel von Konzentration und Entspannung verläuft, da hör- und antlitzgerichtete Kommunikation und sprachliche Verarbeitung hohe Anforderungen an Hörgeschädigte stellen.
Der Anschauung kommt in den Schulen für hörgeschädigte Kinder und Jugendliche ein besonderer didaktischer Stellenwert zu. Sie tritt häufig an die Stelle des interpretierend-vermittelnden Wortes und schafft Motivation für Lernprozesse.
Wegen der eingeschränkten Möglichkeiten Hörgeschädigter, sich die Zusammenhänge der Welt auditiv und sprachlich zu erschließen, sind handelnde Auseinandersetzung und Begegnung mit der Welt im fächerübergreifenden Unterricht wichtige Aufgaben. Das selbstständige Entdecken führt zu eigenständigem Lösen von Problemen und zu erlebnismäßig vertieften Erfahrungen.
Das veränderte Wahrnehmungs- und Auffassungsvermögen erfordert eine individuell angemessene Unterstützung der Lernvorgänge. Diese erfolgt z.B. durch Zielangaben, prägnante Zusammenfassungen, Skizzen, Grafiken, Symbole, Verlaufsdiagramme, gegliederte Tafelbilder, Arbeitsblätter, variablen Medieneinsatz.
Die Schwierigkeit, Beziehungen sprachlich auszudrücken, erfordert Überprüfung des Sinnverständnisses und vielfache Übung. Möglichkeiten bieten unter anderem Beschriftung von Schemazeichnungen, Lückentexte, Fragen und Mehrfachwahl-Antwort, Kennzeichnung von unbeschrifteten Bildern, Ratetexte, Demonstrationen, Berichte, Kontrollfragen, Rollenspiel, darstellendes Spiel, Pantomime.
Die Verlangsamung des Lernprozesses aufgrund der kommunikativen Beeinträchtigung erfordert eine häufigere Zusammenfassung des bereits Erarbeiteten und dessen visuelle Veranschaulichung.
Die Hörschädigungen sowie der dazugehörige Wissens- und Erfahrungsmangel erschweren die Wahrnehmung und erfordern deshalb den erhöhten Einsatz von Unterrichtsmedien, die als Informationsträger auf Verstehen und Erleben abgestimmt sind. Erfahrungsgemäß werden Texte der allgemeinen Schulen von Hörgeschädigten vielfach nicht gänzlich erfasst. Sie sind hinsichtlich ihrer sprachlichen Anforderungen häufig zu komplex und schwierig hinsichtlich der Wortwahl und der Satzstrukturen. Die Texte können Hörgeschädigte in der Darstellung der Sachinformation überfordern, weil sie deren fehlende Vorerfahrung nicht berücksichtigen. Daher müssen Medien für den behinderungsspezifischen Gebrauch aufbereitet beziehungsweise hergestellt werden.
Medien werden durch die Schule angeboten. Zur notwendigen Ausstattung gehören neben zweckmäßig beleuchteten und speziell raumakustisch ausgerüsteten Klassenräumen nach heutigem Standard insbesondere
Modelle, Bilder, Dias, Filme, TV-Aufzeichnungen, Karten, Experimentiergeräte, Bücher, Lernprogramme,
Klassenverstärkeranlagen oder geeignete elektroakustische Kommunikationssysteme, Computer, Hörtrainer, audio-taktile Hilfen,
Möglichkeiten zur Aufbereitung und Erstellung von Medien wie Aufnahme-, Kopier-, Schneid- und Titelgeräte, Untertitelgeräte, auch für audiovisuelle Medien,
auditive, visuelle und motorisch-taktile Strukturierungshilfen.
Die notwendige Ausstattung erfolgt nach in den Ländern geltenden Regelungen.
Beim Einsatz von audiovisuellen und auditiven Medien ist die Informationsverarbeitung durch geeignete pädagogische Maßnahmen abzusichern, weil die Kinder nicht nur unvollständig hören, sondern auch nicht auf ein Absehbild zurückgreifen können.
5.
Formen und Orte sonderpädagogischer Förderung
Die schulische Förderung von Kindern und Jugendlichen mit den Förderschwerpunkten im Bereich des Hörens, der auditiven Wahrnehmung, des Spracherwerbs und des Umgehen-Könnens mit einer Hörschädigung bezieht alle Schulstufen und Schularten ein; sie hat zu einer Vielfalt von Förderformen und Förderorten geführt. Es entwickeln sich vermehrt Formen der gemeinsamen Erziehung und Unterrichtung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen, an unterschiedlichen Lernorten. Vorbeugende Maßnahmen erfahren eine hohe Bewertung.