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Text gilt ab: 08.07.1911
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Anlage von Friedhöfen, Leichenhäusern und Grüften

(BayBSVI S. 33)


2127-G
Anlage von Friedhöfen, Leichenhäusern und Grüften
Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums des Innern
vom 8. Juli 1911 Az.: 5364 a/1
An
die
Regierungen
die
Kreisverwaltungsbehörden1
die
Gesundheitsämter2
Zur Beurteilung der bei Anlage von Friedhöfen in Betracht kommenden gesundheitlichen Fragen wurden in der Ministerialentschließung vom 14. August 1865 allgemeine Gesichtspunkte aufgestellt. Diese Gesichtspunkte sind zum Teil veraltet. An ihre Stelle treten nachstehende Grundsätze, die sich zugleich auch mit der Errichtung von Leichenhäusern und Grüften befassen.
Grundsätze für die Anlage von Friedhöfen, Leichenhäusern und Grüften
Vorbemerkung
Leichen, die der Erde übergeben werden, fallen für gewöhnlich der Zersetzung anheim. Die Zersetzung erfolgt in der ersten Zeit unter dem Einfluss der auf der Oberfläche und im Innern der Leiche vorhandenen Bakterien und Pilze, später auch unter dem Einfluss verschiedener Tierarten (Insektenlarven und Würmer); sie setzt immer eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens voraus.
Die Zersetzung unter reichlichem Sauerstoffzutritt führt zur vollständigen Verbrennung der organischen Bestandteile des Körpers und wird als Verwesung bezeichnet; sie liefert als Endprodukte unschädliche Stoffe.
Die Zersetzung bei Sauerstoffabschluss oder mangelhaftem Sauerstoffzutritt führt zur Fäulnis; die Fäulnis liefert als Endprodukte übel riechende, zum Teil auch gesundheitsschädliche Stoffe.
Wenn die zur Zersetzung nötige Feuchtigkeit fehlt, so tritt Vertrocknung der Leiche ein. Wenn Leichen unmittelbar im Wasser oder in einem ganz mit Wasser durchtränkten Boden liegen, kommt es zur Bildung von Leichenwachs; zu Leichenwachs umgewandelte Leichen oder Leichenteile bilden eine fettige Masse und bedürfen zum vollständigen Zerfall außerordentlich langer Zeit.

1 [Amtl. Anm.:] Ursprüngliche Bezeichnung: Distriktsverwaltungsbehörden
2 [Amtl. Anm.:] Ursprüngliche Bezeichnung: K. Bezirksärzte

I. Friedhöfe

Der Boden soll so beschaffen sein, dass die Verwesung der Leichen möglichst rasch erfolgt. Dies ist bei einem Boden der Fall, der zeitweise durch Oberflächenwasser durchfeuchtet wird, die Hauptmasse des Wassers aber nur kurze Zeit zurückhält und dann wieder der Luft ungehinderten Zutritt gewährt; als völlig einwandfrei ist ein Boden jedoch erst dann zu bezeichnen, wenn er auch im Stande ist die Zersetzungsprodukte zurückzuhalten und zu verhindern, dass übel riechende gasförmige Stoffe in die Außenluft, Krankheitskeime und in Wasser gelöste schädliche Stoffe in die tieferen Bodenschichten und das Grundwasser gelangen.
Diese Bedingungen erfüllt am besten ein Boden, der aus Kies und Sand oder aus Kies und Lehm besteht, oder ein Humus-(Lehm)boden, der reichlich mit Kies und Sand gemischt ist. Grober Schotter (ohne Sand oder Lehmbeimengung) ist ungeeignet, weil er den Gasen den Weg zur Erdoberfläche, den im Wasser löslichen Stoffen und den Keimen den Weg ins Grundwasser frei lässt; reiner Lehm- oder Torfboden ist ungeeignet, weil er für Luft nicht durchlässig ist.
Zu berücksichtigen ist, dass ein ursprünglich geeigneter Boden durch oftmalige Benützung immer reicher an feinkörnigen Überresten von Leichen (Knochenerde) wird und dadurch allmählich undurchlässig und ungeeignet werden kann.
Für die Eignung eines Bodens zur Anlage von Gräbern kommt auch sein Grundwasserstand in Betracht. Da der Grundwasserstand nach Jahreszeit und Witterung schwankt, ist der höchste vorkommende Grundwasserstand zu ermitteln. Es ist unter allen Umständen zu vermeiden, dass die Grabessohle vom Grundwasser erreicht wird oder dass Särge in jene Zone zu liegen kommen, bis zu der das Wasser (durch Kapillarität) aufsteigt. Es soll vielmehr zwischen der Grabessohle und dem höchsten Grundwasserstand eine mindestens 50 cm starke Bodenschicht sich befinden, die einerseits eine trockene Lagerung der Särge gewährleistet und andererseits den Übergang gelöster Fäulnisstoffe in das Grundwasser verhindert. Bei sehr groß porigem Kiesboden soll diese Schicht mächtiger sein, ebenso bei sehr dichtem, feinkörnigem Boden, in dem erfahrungsgemäß das Kapillarwasser besonders hoch aufsteigt.
Ein nach seiner Zusammensetzung geeigneter Boden kann ungeeignet sein, wenn er Überschwemmungen ausgesetzt oder in einer Mulde gelegen ist, in der sich die Niederschläge sammeln. Ein an sich nicht verwendbarer Boden kann häufig durch Entwässerung oder Aufschüttung geeignet gemacht werden.
Lage der Friedhöfe
Bei der Wahl des Platzes ist auf die Richtung des Grundwasserstroms zu achten. Das Grundwasser des Friedhofs soll besonders in groß porigem Boden nicht gegen benachbarte Brunnen, die aus dem Grundwasser gespeist werden, fließen.
Bei Beachtung dieses Grundsatzes und bei einwandfreier Bodenbeschaffenheit ist eine Gefährdung der Umgebung durch Anlage eines Friedhofs nicht zu befürchten. Immerhin ist es, um jede Beunruhigung der Bevölkerung zu vermeiden, zweckmäßig, den Friedhof in einiger Entfernung von Wohngebäuden zu errichten. Meist sprechen schon die Interessen des Verkehrs, der baulichen Ausdehnung der Ortschaft, die Abneigung der Lebenden gegen alle an den Tod erinnernden Vorgänge gegen die Anlage in der Nähe größerer Wohnungskomplexe.
Tiefe der Gräber
Die Tiefe soll von der Erdoberfläche an für die Gräber von Erwachsenen wenigstens 1,80 m, für die von Kindern unter zwölf Jahren wenigstens 1,30 m, für die von Kindern unter sieben Jahren wenigstens 1,10 m, für die von Kindern unter zwei Jahren wenigstens 0,80 m betragen.
Zwischenschicht
Zwischen den einzelnen Gräbern soll eine Erdschicht von mindestens 0,6 m Dicke sich befinden. Wo wegen der großen Zahl der Leichen so genannte Reihengräber angelegt werden müssen, kann ausnahmsweise von dieser Zwischenschicht abgesehen werden, sofern die vorgeschriebene Tiefe eingehalten wird.
Größe der Gräber
Für den Begräbnisplatz eines Erwachsenen ist einschließlich des Zwischenweges eine Länge von 2,50 m und eine Breite von 1,50 m, bei Reihengräbern eine Länge von 2,20 m und eine Breite von 0,80 m in Ansatz zu bringen; die Länge und Breite der Gräber für Kinder bemisst sich nach der Größe der Särge.
Ruhefrist
Für jeden Begräbnisplatz ist die Zeit, vor deren Ablauf eine schon belegte Grabstelle zum Begraben einer anderen Leiche nicht benützt werden darf, festzusetzen. Diese Ruhefrist muss der Zeit entsprechen, die zum Zerfall der Leiche nötig ist; sie hängt von der Bodenbeschaffenheit und dem Alter der Beerdigten ab. Bei sehr günstigen Bodenverhältnissen verwest die Leiche eines Erwachsenen in vier – sieben Jahren, unter ungünstigen Umständen erst in 15 – 30 und mehr Jahren. Leichen von Kindern unter zehn Jahren brauchen etwa 1/3 – 1/2 dieser Zeit. Welche Ruhefrist zu wählen ist, muss für jeden Friedhof gesondert entschieden werden; ausschlaggebend bleibt dabei die bei Eröffnung von Gräbern gemachte Erfahrung.
Größe der Friedhöfe
Aus der Zahl der nach zehnjährigem Durchschnitt oder für die Zukunft voraussichtlich zur Beerdigung gelangenden Leichen der verschiedenen Altersklassen, aus der Größe der einzelnen Gräber und aus der nach den Erfahrungen festgestellten oder nach der Bodenbeschaffenheit anzunehmenden Ruhefrist lässt sich der Raum für die gewöhnlichen Gräber berechnen. Für Familiengräber, Grüfte, das Leichenhaus und die größeren Wege ist zu der berechneten Fläche ein Zuschlag zu machen, der durch die örtlichen Verhältnisse bestimmt wird. Auch für gärtnerische Anlagen, die nicht nur einen Schmuck des Friedhofs bilden, sondern auch gesundheitliche Vorzüge haben, soll ein angemessener Raum vorgesehen werden. Besonders ist darauf zu achten, dass die Wege, vor allem die Hauptwege, eine dem zu erwartenden Verkehr entsprechende Breite erhalten.

II. Leichenhäuser

Die baldige Entfernung der Leichen aus der Umgebung der Lebenden ist für die öffentliche Gesundheitspflege von großer Wichtigkeit besonders dann, wenn es sich um Leichen von Personen handelt, die an übertragbaren Krankheiten gestorben sind. Es ist deshalb in größeren Orten die Errichtung von Leichenhäusern zu fördern. Leichenhäuser sollen außer dem Aufbewahrungsraum ein heizbares Zimmer und einen Abort für den Wächter, ferner einen heizbaren Raum für die Vornahme von Leichenöffnungen enthalten. Sie müssen mit Wasser versorgt sein.

III. Grüfte

Ähnlich wie im Erdgrab vollzieht sich, wenn gewöhnliche Holzsärge benützt werden, die Zersetzung in gemauerten Grüften. Da aber kein die Zersetzungsgase zurückhaltendes Erdreich den Sarg umgibt, können unter Umständen, so besonders bei mangelhafter (schadhafter) Deckung übel riechende und giftige Gase in die Außenluft gelangen. Von diesem Standpunkt aus ist die Neuanlage von Grüften in oder unter geschlossenen Räumen, die Menschen dauernd oder vorübergehend zum Aufenthalt dienen, gefährlich und ausnahmsweise nur dann zu gestatten, wenn starkwandige, luftdicht abgeschlossene Metall- oder Steinsärge benützt und die Grüfte selbst mit wasserdichtem Boden und einem über Dach führenden Entlüftungsrohr versehen und völlig dicht eingedeckt werden.
Auf offenen Friedhöfen kann auch bei Verwendung durchlässiger Särge jede Gefährdung der Besucher ausgeschlossen werden, wenn die Anlage der Grüfte in einer Weise erfolgt, dass die gasförmigen und flüssigen Zersetzungsstoffe in den Boden abgeleitet werden. Zu diesem Zweck muss der obere Verschluss der Grüfte ein möglichst dichter sein und müssen anderseits die Wände gegen das umgebende Erdreich undicht hergestellt werden. Als undicht sind schon die gewöhnlichen Ziegel- und Backsteinmauern zu betrachten, sofern sie nicht mit Mörtel verputzt werden. In verputzten Mauern und in Beton müssen besondere Luftschlitze angebracht werden oder es muss die Sohle der Gruft ein geringes Gefälle und an der tiefsten Stelle eine Öffnung erhalten, durch welche die flüssigen und gasförmigen Stoffe in das umgebende Erdreich austreten können.
Staatsministerium des Innern
Az.: 5364 a/1