Inhalt

Text gilt ab: 16.09.1996
Link abrufen
Nächstes Dokument (inaktiv)

5.6 Sonderpädagogische Förderung im berufsbildenden Bereich und beim Übergang in die Arbeitswelt

Die Berufswahl hörgeschädigter junger Menschen ist von Art und Grad der Hörschädigung, von der sprachlichen Kommunikationsfähigkeit, der sozialen Kompetenz, dem geistigen Leistungsvermögen und den Anforderungsprofilen der einzelnen Berufe abhängig. Eine möglichst erfolgreiche Berufswahlvorbereitung beruht auf einer engen Zusammenarbeit zwischen den hörgeschädigten Jugendlichen, dem Elternhaus, der Schule und der Berufsberatung.
Schulische Maßnahmen fördern berufsbezogene Fähigkeiten wie Geschicklichkeit, Genauigkeit, Phantasie, Kreativität, Sorgfalt und Ausdauer, vor allem eine berufsspezifische Sprache und Kommunikation. Diese Fähigkeiten unterliegen bei Hörgeschädigten Einflussfaktoren wie etwa:
Umgebungseinflüsse wie Lärm in Verbindung mit Aufnahmestörungen des Hörgerätes; Beleuchtungsverhältnisse in Verbindung mit Absehen vom Munde,
Arbeitsbedingungen und Bereitschaft der Mitarbeiter zur Lösung kommunikativer Schwierigkeiten,
Anforderungen an die sprachliche Gewandtheit und den kommunikativen Austausch,
Erschwernisse bei Aufgabenstellungen mit hohem Sprachanteil.
Betriebserkundungen und Betriebspraktika sind wertvolle Orientierungshilfen. Notwendig sind gründliche Vorbereitung und Nachbereitung sowie die Begleitung durch die Schule. Die Maßnahme der Berufsberatung muss frühzeitig einsetzen und in enger Zusammenarbeit zwischen Elternhaus, Schule und Berufsberatung stattfinden, um gemeinsam Wege zur Berufsfindung aufzuzeigen und auf Maßnahmen zur Berufsvorbereitung und auf berufliche Ausbildungsmöglichkeiten hinzuweisen.
Unter Berücksichtigung des Grades der Hörschädigung, ihrer Ausprägung und der individuellen Situation kann die Förderung in einem Berufsbildungswerk mit folgenden Angeboten notwendig sein:
Berufsfindung und Arbeitserprobung sowie Berufsvorbereitung,
Berufsausbildung,
Sozialdienst, ärztlicher und psychologischer Dienst,
Internat,
Zusammenarbeit zwischen den Jugendlichen, den Rehabilitationspartnern, den Kammern, der Arbeitsverwaltung, den Fachdiensten, den Erziehungsberechtigten sowie den Ausbildern.
Es werden jungen Menschen mit Hörschädigungen Wege zu einer qualifizierenden Berufsausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf oder, wo dies nicht durchführbar erscheint, in einem für Behinderte vorgesehenen Ausbildungsberuf eröffnet, um damit die Voraussetzungen für eine dauerhafte Eingliederung in die Arbeitswelt zu schaffen. Soweit dies nicht möglich ist, muss eine an die individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten des Jugendlichen angepasste Vorbereitung auf eine Berufstätigkeit und selbstständige Lebensführung angeboten werden. Die Tätigkeit in einer Werkstatt für Behinderte kommt dann in Betracht, wenn durch Art und Schwere der Hörschädigung, verbunden mit einer zusätzlichen geistigen, seelischen oder körperlichen Behinderung, eine berufliche Ausbildung und eine anschließende Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind.
6.
Zusammenarbeit
Bei Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufgrund einer Hörschädigung ist sofort nach dem Erkennen der Hörschädigung eine intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Erziehungsberechtigten und dem Personal von Frühförderung, Kindergarten, Schule und Internat erforderlich. Die Zusammenarbeit hat zum Ziel, die Ausprägung der Hör-Sprachbehinderung und damit der Kommunikationsstörung zu begrenzen und einer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsentwicklung entgegenzuwirken. Im Vordergrund steht das Nutzen wichtiger Phasen der Entwicklung der Sinnesgerichtetheit, der Sprache und des Sprechens sowie des Gebrauchs gebärdensprachlicher Kommunikationsmittel. Ebenso zielt die Zusammenarbeit von Elternhaus und Frühförderstelle oder Schule auf die emotionale und soziale Entwicklung.
Hinweise der Erziehungsberechtigten auf Erleben und Verhalten des Kindes auch außerhalb der Schule werden in die sonderpädagogische Förderung einbezogen. Zudem müssen die Erziehungsberechtigten über wichtige Beobachtungen und die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in der Schule informiert werden. Beide Seiten beraten sich gemeinsam über entsprechende Förderangebote und -maßnahmen. Häusliche und schulische Möglichkeiten ergänzen sich. Gegenseitiger Austausch von Beobachtungen, Erfahrungen und Informationen führen zu einer partnerschaftlichen Abstimmung der Erziehungsziele und Erziehungsstile.
Das schulbegleitende Heim und die schulbegleitende Tagesstätte haben die Aufgabe, durch Betreuung während der unterrichtsfreien Tageszeiten den Besuch schulischer Einrichtungen zu ermöglichen und zu erleichtern. Darüber hinaus gewähren sie sonderpädagogische Förderung, indem sie vor allem in den Bereichen der lebenspraktischen Fähigkeiten, des sozialen Zusammenlebens und einer sinnvollen Freizeitgestaltung wirken. Somit sind Heim und Tagesstätte wichtige Partner bei der Erziehung hörgeschädigter Kinder und Jugendlicher. Eine unverzichtbare Voraussetzung für eine wirkungsvolle Zusammenarbeit zum Wohle der Kinder und Jugendlichen ist die Abstimmung pädagogischer Absichten und Methoden zwischen Elternhaus, Heim oder Tagesstätte und Schule. Schwierigkeiten, die sich aus dem Zusammenwirken der unterschiedlichen Berufsgruppen ergeben können, sollen in regelmäßigen gemeinsamen Dienstkonferenzen bereinigt werden. Damit soll der Erfahrungsaustausch, den ein Team mit Mitarbeitern mit unterschiedlicher Ausbildung bietet, genutzt werden.
7.
Einsatz und Qualifikation des Personals
Die Ausbildung des Personals muss Breite und Struktur des jeweiligen Tätigkeitsbereiches und dessen Anforderungen an die einzelnen Personen berücksichtigen. Sie vermitteln nicht nur die Grundkompetenz für die Aufgaben der Hörgeschädigtenpädagogik, sondern auch einen Überblick über den Gesamtbereich der Erziehung und Unterrichtung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Ein wesentliches Merkmal der Qualifikation ist pädoaudiologische Kompetenz der Lehrkräfte.
Der verantwortliche Einsatz gebärdensprachlicher Kommunikationsmittel erfordert für die Lehrerschaft Kenntnis manueller Kommunikationsformen und die Fähigkeit, diese schülerangemessen und sprachsituationsbezogen zu gebrauchen. Sowohl der Erwerb der manuellen Kommunikationsmittel als auch der fortwährende Austausch über diese Sprachsysteme muss in der Lehrerausbildung sowie durch Veranstaltung der Lehrerfortbildung und durch Weiterbildungsmaßnahmen in Kursen erfolgen.
Insgesamt ist zur Sicherung der Qualität der sonderpädagogischen Förderung mit den Schwerpunkten des Hörens, der auditiven Wahrnehmung, des Umgehen-Könnens mit einer Hörschädigung, der Kommunikation und der Sprache eine regelmäßige fachliche, bei Bedarf auch länderübergreifende Fortbildung unabdingbar. Dies trifft in ganz besonderem Maße für das Personal in der Frühförderung zu. In den Fortbildungsangeboten ist jeweils auch der Kooperations- und Abstimmungsbedarf mit anderen Fachgebieten zu berücksichtigen, der sich durch die fachliche Arbeitsteilung ergibt. Die Herstellung und Sicherung eines fachlichen Standards der Arbeit in der Hörgeschädigtenpädagogik verlangen eine ständige Ergänzung, Auffrischung und Erweiterung der fachlichen und auch personalen Kompetenz. Über Ausbildung und Begleitung vor Ort hinaus müssen daher auch berufsbegleitende Fortbildungen ermöglicht werden, um die Berufserfahrung mit neuen Methoden und Kompetenzen zu bereichern. Unterschiedliche individuelle Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen und die häufig notwendige Abstimmung individueller Fördermaßnahmen mit Instanzen im Umfeld von Schule machen es erforderlich, dass sich die Schule auch im Bereich der Fortbildung für die Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften öffnet.
8.
Schlussbestimmung
Die „Empfehlungen für den Unterricht in der Schule für Gehörlose (Sonderschule) “ - Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 30. Mai 1980 -und die „Empfehlungen für den Unterricht in der Schule für Schwerhörige (Sonderschule)" - Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 30. August 1981 - werden hiermit aufgehoben.
I.A. J. Hoderlein
Ministerialdirektor