Inhalt

3. Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf

Die Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf1 umfasst die Ermittlung des individuellen Förderbedarfs sowie die Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort. Das Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs kann von den Eltern, der Schule oder ggf. von anderen zuständigen Diensten beantragt werden. Die Förderung kann in allgemeinen Schulen, in Sonderschulen oder durch Förderzentren erfolgen. Sie findet statt in der Verantwortung von Schule und Schulaufsicht, die entweder selbst über eine sonderpädagogische Kompetenz verfügen oder fachkundige Beratung hinzuziehen.

3.1 Ermittlung sonderpädagogischen Förderbedarfs

Bei der Ermittlung des sonderpädagogischen Förderbedarfs sind die diagnostischen Fragestellungen auf ein qualitatives und quantitatives Profil notwendiger Fördervorhaben zu richten, die Grundlage sein sollen für eine Empfehlung zur Förderung. Es sind Art und Umfang des sonderpädagogischen Förderbedarfs auf der Basis einer Kind-Umfeld-Analyse zu erheben. Dabei werden insbesondere die sprachlichen Handlungskompetenzen des Kindes vor dem Hintergrund seiner persönlichen Lebenssituation und der schulischen Anforderungen beschrieben, pädagogisch interpretiert und als spezifisches Förderbedürfnis ausgewiesen. Darüber hinaus sind die im konkreten Einzelfall jeweils gegebenen und organisierbaren Formen der Förderung in der Schule abzuklären, die die Schülerin oder der Schüler besucht oder besuchen soll.
Für die Erhebung des sonderpädagogischen Förderbedarfs können Informationen aus folgenden Bereichen wichtig sein:
Beeinträchtigungen im sprachlichen Handeln:Spracherwerb, Sprachgebrauch, Sprechtätigkeit; Bedeutung für Erleben und Lernen sowie Folgen für die Kommunikation,
Verlauf der Entwicklung und Aneignung von Sprache und Sprechen sowie Maßnahmen und Ergebnisse bisheriger Förderung,
individuelle Lebens- und Erziehungsumstände sowie soziale Einbindung und schulisches Umfeld,
ggf. weitere Beeinträchtigungen, insbesondere des Hörvermögens, der auditiven und visuellen Wahrnehmung und der Motorik,
ggf. medizinische und psychologische Untersuchungsergebnisse,
allgemeiner Entwicklungs- und Leistungsstand.
Im Einzelfall ist eine interdisziplinäre Diagnostik zum Verständnis der sprachlichen Beeinträchtigung und zur Planung von abgestimmten Förderintentionen hilfreich; dabei können neben den sonderpädagogischen Lehrkräften z.B. auch Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten wie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Phoniatrie, Neurologie, Kieferorthopädie, Pädiatrie, Psychologinnen und Psychologen sowie Vertreterinnen und Vertreter medizinisch-therapeutischer und sozialer Dienste beteiligt sein. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob durch eine vorausgehende oder die Förderung begleitende medizinische oder psychologisch-psychotherapeutische Behandlung oder durch den Einsatz technischer und apparativer Hilfsmittel die Lernvoraussetzungen verbessert werden können.
Alle Informationen sind unter Berücksichtigung der Stellungnahmen der Eltern pädagogisch zu gewichten und zu einer Empfehlung zur Förderung zusammenzuführen.

3.2 Entscheidung über den Bildungsgang und den Förderort

Auf der Grundlage der Empfehlung und unter Beteiligung der Eltern2 sowie unter Beachtung der jeweils gegebenen oder bereitstellbaren Rahmenbedingungen entscheiden Schule und Schulaufsicht, ob die Schülerin oder der Schüler in die allgemeine Schule aufgenommen wird oder dort verbleibt, erforderlichenfalls mit Unterstützung durch eine sonderpädagogische Lehrkraft, oder Unterricht und Förderung in einer Sonderschule, in besonderen Klassen, in kooperativen Formen oder durch Förderzentren erhält. In diese Entscheidung können auch medizinisch-therapeutische, psychologische und soziale Dienste anderer Maßnahmeträger sowie Einrichtungen mit ergänzenden Ganztags- oder Betreuungsangeboten einbezogen werden. Darüber hinaus entscheiden Schule und Schulaufsicht auch darüber, in welchem Bildungsgang die Schülerin oder der Schüler unterrichtet werden soll.
Bei der Entscheidung sind einzubeziehen:
Art und Umfang des Förderbedarfs,
Stellungnahmen der Eltern, ggf. beratender Gremien und Dienste,
Fördermöglichkeiten der allgemeinen Schulen,
Verfügbarkeit des erforderlichen sonderpädagogischen Personals einschließlich ambulanter sonderpädagogischer Dienste,
Verfügbarkeit technischer und apparativer Hilfsmittel sowie spezieller Lehr- und Lernmittel.
Grundsätzlich ist derjenige Förderort zu wählen, der auf bestmögliche Weise dem Förderbedarf dieser Kinder und Jugendlichen, ihrer Selbstfindung und Persönlichkeitsentwicklung gerecht wird und die schulische und gesellschaftliche Eingliederung sowie die Vorbereitung auf Beruf und Leben leisten kann.
Alle Entscheidungen über den individuellen Förderbedarf und den Förderort erfordern in geeigneten Abständen eine Überprüfung.

1 [Amtl. Anm.:] Das Verfahren zur Feststellung von Sonderpädagogischern Förderbedarf ist in den Ländern unterschiedlich geregelt.
2 [Amtl. Anm.:] Die Beteiligung der Eltern ist in den Ländern unterschiedlich geregelt.