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5. Formen und Orte sonderpädagogischer Förderung

Die schulische Förderung im Förderschwerpunkt Lernen bezieht alle Schularten und Schulstufen ein. Dabei wird angestrebt, dass gemeinsames Lernen aller Schülerinnen und Schüler mit und ohne Sonderpädagogischen Förderbedarf verwirklicht werden kann. Im Vorfeld Sonderpädagogischen Förderbedarfs haben vorbeugende Maßnahmen hohe Bedeutung. Wenn in der allgemeinen Schule eine angemessene Förderung nicht ermöglicht bzw. entwickelt werden kann, wird die Sonderschule als Förderort eines Kindes oder Jugendlichen infrage kommen.
Eine Vielzahl von Organisationsformen hat sich an unterschiedlichen Förderorten entwickelt. Kinder und Jugendliche, die in mehreren Förderschwerpunkten Bedarf haben, werden dort gefördert, wo dies nach den Erkenntnissen, die im Rahmen des Verfahrens zur Feststellung Sonderpädagogischen Förderbedarfs gewonnen werden und unter Einbeziehung des Elternwunsches am besten möglich ist. Frühförderung, berufsorientierende und berufsbegleitende Maßnahmen sowie Hilfen anderer Maßnahmeträger unterstützen den Erfolg der sonderpädagogischen Förderung.

5.1 Sonderpädagogische Förderung durch vorbeugende Maßnahmen

Lern- und Entwicklungsverzögerungen sollen so früh wie möglich erkannt werden, um ihnen entgegenwirken zu können. Durch eine umfassende Person-Umfeld-Analyse müssen bereits in elementaren Entwicklungsbereichen Beeinträchtigungen wahrgenommen und entsprechende Handlungsperspektiven beschrieben werden, ohne dabei künftige schulische Förderorte festzulegen und vorwegzunehmen. Grundlage früher Hilfen und vorbeugender Maßnahmen ist ein Förderplan. Dieser berücksichtigt erhobene Daten aus Gesprächen mit Eltern, Gesundheitsämtern, Beratungsstellen, Sozialpädiatrischen Zentren, Kindergärten, Sonderkindergärten und anderen schulvorbereitenden Einrichtungen. Für die Entwicklung der Kinder, die in schwierigen Lebensverhältnissen aufwachsen, ist dabei auch eine Kooperation mit der Jugendhilfe und Sozialhilfe sowie anderen Diensten notwendig.
Präventive Förderung in der allgemeinen Schule wirkt der Entstehung und Verfestigung von Lernbeeinträchtigungen entgegen und kann Sonderpädagogischen Förderbedarf vermeiden helfen. Dazu werden die in den Schulen zur Verfügung stehenden Fördermöglichkeiten koordiniert. Die Förderung wird im engen Zusammenwirken der Lehrkräfte der allgemeinen Schule unter Einbeziehung der Eltern verwirklicht und gegebenenfalls mit außerschulischen Institutionen, Fachkräften und Beratungsdiensten abgestimmt. Diese präventiven Fördermaßnahmen können durch sozialpädagogische Fachkräfte unterstützt werden.

5.2 Sonderpädagogische Förderung im gemeinsamen Unterricht 121

Die Aufgabe der allgemeinen Schule schließt ein, Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigungen beim Lernen zu fördern. Kinder und Jugendliche mit Sonderpädagogischem Förderbedarf im Schwerpunkt Lernen können allgemeine Schulen besuchen, wenn für die sonderpädagogische Förderung angemessene personelle, räumliche und sächliche Voraussetzungen gegeben sind.
Diese Schülerinnen und Schüler werden nicht in allen Unterrichtsfächern nach den Lernzielen der allgemeinen Schulen unterrichtet. Die unterschiedlichen Angebote und Anforderungen entsprechen ihren individuellen Lernvoraussetzungen. Dabei sind in den Klassen mit gemeinsamem Unterricht differenzierende Formen der Planung sowie der Durchführung und der Ausgestaltung der Unterrichts- und Erziehungsprozesse in besonderem Maße erforderlich. Gemeinsamer Unterricht ermöglicht den Kindern, im sozialen Bereich voneinander zu lernen und eine Vielzahl von Anregungen im Leistungsverhalten zu erhalten.
Aufgaben von sonderpädagogischen Lehrkräften und Lehrkräften der allgemeinen Schule sind daher:
die Abstimmung im Hinblick auf ihr pädagogisches Handeln,
die Gestaltung eines Klimas der gemeinsamen Verantwortung in der Lerngruppe, das von Akzeptanz und Toleranz, von Rücksichtnahme und Unterstützungsbereitschaft geprägt ist,
eine besondere Berücksichtigung der Erlebnis- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler mit Sonderpädagogischem Förderbedarf,
eine Einbindung von individualisierenden und differenzierenden Maßnahmen in ein pädagogisches Gesamtkonzept der Lerngruppe,
die Förderung der motorischen, kognitiven, sprachlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen,
die Stärkung der Persönlichkeit von Schülerinnen und Schülern durch Förderung des Selbstvertrauens, des Selbstwertgefühls, der Leistungsbereitschaft, der Frustrationstoleranz,
die Entwicklung und die Fortschreibung eines Förderplans,
die gemeinsame Beratung mit den Eltern.
Spezifische Aufgaben der sonderpädagogischen Lehrkräfte betreffen
die begleitende Diagnostik,
die Förderprogramme für Motorik, Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit sowie sprachliches Handeln und kognitive, emotionale und soziale Entwicklung,
die Förderung von Lernstrategien und Arbeitsorganisation,
die Beratung für den gemeinsamen Unterricht.

5.3 Sonderpädagogische Förderung in Sonderschulen

Wenn die sonderpädagogische Förderung in der allgemeinen Schule nicht gewährleistet werden kann, werden diese Kinder und Jugendlichen in der Schule für Lernbehinderte2 unterrichtet. Dort wird in der Regel auf der Grundlage besonderer Lehrpläne Unterricht erteilt. Diese Pläne beziehen sich auf die Lehrpläne der allgemeinen Schulen, damit ein Wechsel der Schülerinnen und Schüler in die allgemeine Schule gegebenenfalls erreicht werden kann.
Es ist Aufgabe der Schule für Lernbehinderte, ihren Schülerinnen und Schülern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und ihre Integration mit Blick auf ein selbstbestimmtes Leben zu fördern.
Dies bedeutet vor allem,
individuelle Förderpläne auf der Grundlage begleitender Diagnostik zu erstellen und fortzuschreiben,
eine schulische Situation zu schaffen, in der der individuelle Lernerfolg Ansporn sein kann und die Entwicklung einer Leistungsbereitschaft begünstigt,
die Kinder und Jugendlichen so zu erziehen, dass sie alters- und situationsangemessene Formen des Verhaltens erwerben und festigen können,
die Schülerinnen und Schüler zu einem Abschluss zu führen und Möglichkeiten zu eröffnen, den Hauptschulabschluss zu erlangen,
einen Wechsel in die allgemeine Schule anzustreben, zu unterstützen, zu verwirklichen und diesen zu begleiten,
durch praxisorientierte Angebote Jugendliche für einen Beruf zu interessieren und auf eine Berufsausbildung vorzubereiten,
die Zusammenarbeit mit Berufsschulen, Arbeitsamt, Kammern und Betrieben der Region zu pflegen,
das Zusammenwirken mit den Eltern zu fördern.
Schulen für Lernbehinderte in Ganztagsform kommen den Bedürfnissen von Schülerinnen und Schülern entgegen, indem sie Angebote an Erziehung und Unterricht sowie sozialpädagogische Hilfen anderer Maßnahmeträger miteinander verbinden. Sie sollen über den Vormittagsunterricht hinaus Angebote im Zusammenwirken mit anderen Maßnahmeträgern ermöglichen.

5.4 Sonderpädagogische Förderung in kooperativen Formen

Schulen für Lernbehinderte sollen eine enge pädagogische Zusammenarbeit mit allgemeinen Schulen der Region anstreben. Kooperative Formen der Erziehung und des Unterrichts ermöglichen den Kindern und Jugendlichen dieser Schulen die gegenseitige Akzeptanz und fördern den Umgang miteinander.
In kooperativen Formen werden Schülerinnen und Schüler befähigt, bestehende Beziehungen zu Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten und neue anzubahnen. Die Förderung des Erwerbs und die Stärkung sozialer Kompetenzen sind wesentliche Prinzipien aller schulisch-kooperativen Lernprozesse.
Kinder und Jugendliche mit einer Lernbeeinträchtigung sollen in Begegnungen mit anderen ihre Fähigkeiten erkennen und erleben sowie eine realistische Selbsteinschätzung ihrer Fähigkeiten gewinnen können. Die enge pädagogische Zusammenarbeit von allgemeinen Schulen und Sonderschulen eröffnet unterschiedliche Möglichkeiten der Begegnung:
gegenseitige Besuche von Klassen der allgemeinen Schule und der Sonderschule,
gemeinsame Vorhaben wie Pausenhofgestaltung, Schulgartenpflege, gemeinsame Schul- und Sportfeste,
Schulwanderungen, -fahrten und Schullandheimaufenthalte,
Partnerschaften zwischen einzelnen Kindern und Jugendlichen oder Klassen,
gemeinsame Unterrichtsvorhaben in einzelnen Fächern, vor allem in Arbeitslehre, Sport, Kunst und Musik.
Eine räumliche Zusammenführung von Klassen der allgemeinen Schulen und der Sonderschulen bietet günstige Voraussetzungen für eine angestrebte Kooperation. Sie macht das alltägliche Miteinander selbstverständlich und trägt zur Durchlässigkeit der Schularten bei.
Die in den kooperativen Formen angebahnten sozialen Beziehungen sollen über Unterricht und Schule hinaus in außerschulischen Bereichen wie bei Freizeiten, in Vereinen, in Jugendverbänden zusammenführen. Die Schulen unterstützen die Verbindung zu den außerschulischen Partnern und sind bei der Überwindung von Schwierigkeiten behilflich.

5.5 Sonderpädagogische Förderung im Rahmen von Sonderpädagogischen Förderzentren

In einigen Ländern hat die Angebotsvielfalt sonderpädagogischer Förderung im Bereich des Lernens zur Entwicklung Sonderpädagogischer Förderzentren geführt. Sonderpädagogische Förderzentren als regionale und überregionale Einrichtungen können andere Förderschwerpunkte einbeziehen. Sie stellen die sonderpädagogische Förderung in allen Organisationsformen, einschließlich präventiver, integrativer und kooperativer Formen, in Zusammenarbeit mit allgemeinen Schulen und auch in eigenen Klassen fachgerecht und möglichst wohnortnah sicher.
Neben der Unterstützung des gemeinsamen Unterrichts liegt eine wesentliche Aufgabe der Sonderpädagogischen Förderzentren im präventiven Bereich sowie in der Entwicklung und Bereitstellung von Hilfen für Fördermaßnahmen der allgemeinen Schulen. Die Sonderpädagogischen Förderzentren haben unterstützende und beratende Funktion.
Die Sonderpädagogischen Förderzentren beraten in allen Fragen sonderpädagogischer Förderung Lehrkräfte, Eltern, Schulträger und Schulaufsicht. Sie verknüpfen Maßnahmen außerschulischer Träger mit der schulischen Erziehungs- und Unterrichtsarbeit.

5.6 Sonderpädagogische Förderung im berufsorientierenden und berufsbildenden Bereich und beim Übergang in die Arbeitswelt

Eine qualifizierte Vorbereitung auf Beruf und Beschäftigung sowie auf den Übergang in die Arbeitswelt sind wesentliche Bereiche in Erziehung und Unterricht der Schulen im Förderschwerpunkt Lernen. Der Arbeitslehre kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Funktion zu, da hier wichtige Grundlagen für die Berufsorientierung und den Berufseintritt gelegt werden können; dabei sind fächerverbindende Aspekte zu beachten.
Eine berufliche Orientierung geschieht durch
berufswahlvorbereitende Projekte, Berufswahlunterricht,
Betriebserkundungen, Betriebspraktika, Praktikumstage,
Zusammenarbeit mit den Berufsberaterinnen und Berufsberatern der Arbeitsämter,
Kooperation mit berufsbildenden Schulen durch Erfahrungsaustausch, sog. Werkstatttage, Austausch unter Lehrkräften der berufsbildenden Schule und der Sonderschule,
Zusammenarbeit mit Betrieben und Kammern sowie Trägern der Jugendhilfe und der Jugendarbeit,
Schulen mit Werkcharakter.
Lehrkräfte berufsbildender Schulen müssen auf den Unterricht der Schülerinnen und Schüler mit Sonderpädagogischem Förderbedarf vorbereitet werden. Notwendig ist auch eine Sensibilisierung der Ausbilderinnen und Ausbilder in den Betrieben für die besonderen Bedürfnisse der Jugendlichen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf.
Bei vielen Schülerinnen und Schülern ist der Prozess der Berufswahl in der allgemeinbildenden Schule nicht abgeschlossen; er wird durch andere Maßnahmen wie Förderlehrgänge und Berufsvorbereitungsjahre fortgesetzt. Die Heranführung an diese Vorbereitungsformen hinsichtlich Berufswahl und Eingliederung in die Arbeitswelt ist ein gemeinsames Aufgabenfeld von Schule, Arbeitsverwaltung, Kammern, Betrieben, Jugendberufshilfe und Eltern.

1 [Amtl. Anm.:] Zur gemeinsamen Unterrichtung und Erziehung sind in einigen Ländern gesetzliche Regelungen getroffen.
2 [Amtl. Anm.:] Die Länder haben für diese Schulform unterschiedliche Bezeichnungen.