Inhalt

4. Erziehung und Unterricht

Ziele und Inhalte von Erziehung und Unterricht richten sich nach der Lernausgangslage der Schülerinnen und Schüler mit Sonderpädagogischem Förderbedarf. Dabei sind Erziehung und Unterricht als Einheit zu betrachten. Dies gilt grundsätzlich für alle Lernorte.
Die Kinder und Jugendlichen mit ihren Fähigkeiten und Neigungen, mit ihren Bedürfnissen nach Geborgenheit und Schutz, nach Anerkennung, Selbsttätigkeit und Bewegung sowie dem Bedürfnis, etwas zu leisten, sollen in konkrete Lern- und Lebenssituationen geführt werden und sich als handelnde Personen erleben. Erziehung und Unterricht bilden eine wesentliche Grundlage für die Persönlichkeitsentwicklung, vor allem in den Bereichen des Verhaltens, des Denkens und der Sprache.
Ziel aller erzieherischen und unterrichtlichen Bemühungen ist es, dass sich die Schülerinnen und Schüler zu handlungsfähigen, selbstständigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeiten entwickeln. Erziehung und Unterricht stärken die Kinder und Jugendlichen in Kommunikation und Interaktion. Darüber hinaus helfen sie bei der Entfaltung einer Grundhaltung, die von Selbstachtung, Solidarität, Hilfsbereitschaft, Verantwortung, gegenseitiger Achtung und Rücksichtnahme getragen ist. Erziehung und Unterricht berücksichtigen die aktuelle Lebenssituation der Schülerinnen und Schüler.
Erziehung und Unterricht schließen auch die Auseinandersetzung des Kindes und Jugendlichen mit seiner Beeinträchtigung und den Reaktionen der Umwelt auf diese ein. Sie sind ausgerichtet auf die Entwicklung eines wirklichkeitsbezogenen Selbstbildes, auf die Stärkung des Selbstwertgefühls, auf die Festigung der Persönlichkeit durch Aufbau kompensatorischer Fähigkeiten sowie auf die Verwirklichung der Fähigkeit, eigene Interessen in angemessener Weise zu vertreten und Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen.
In Erziehung und Unterricht werden Zusammenhänge hergestellt, in denen die Kinder und Jugendlichen sich ihrer Lernfähigkeiten, Interessen und Neigungen bewusst werden und dafür Anerkennung erlangen. Die Erfahrung, sich mit den eigenen Motiven, Fragen und Zielvorstellungen als handelnde Personen zu erleben, hilft Misserfolge zu überwinden und Identität zu finden. Deshalb sind Schulen, in denen Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen unterrichtet werden, zu Lebens-, Lern- und Handlungsräumen auszugestalten. Sie sollen als Orte der Begegnung zwischen Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern und Personen im weiteren Umfeld begriffen werden, wo lebendige und wirklichkeitsnahe Erfahrungen für umfassende persönlichkeitsbildende Prozesse und für eine individuelle Förderung erlebt und angenommen werden können. Schule schafft auf diese Weise ein förderliches Lernklima. Sie erzieht zu einem gewaltfreien und friedlichen Miteinander, zu Akzeptanz für Schwächere, Rücksichtnahme sowie Achtung vor dem Mitmenschen. Schule ist für Schülerinnen und Schüler auch ein Lern- und Lebensraum, der für die Entwicklung von Leistungszutrauen genutzt wird.
Der Unterricht im Förderschwerpunkt Lernen geht von den Bildungszielen und Lerninhalten der allgemeinen Schule aus. Diese Ziele und Inhalte des Unterrichts werden mit Blick auf die Lernvoraussetzungen und den Sonderpädagogischen Förderbedarf der Schülerinnen und Schüler modifiziert. Einem differenzierten Lern- und Unterrichtsangebot wird in einem Bildungsgang mit entsprechend modifizierten und eigenständigen Richtlinien und Lehrplänen entsprochen.
Didaktik und Methodik berücksichtigen die individuellen Möglichkeiten und Fähigkeiten, beziehen Leistungsbereitschaft, Erfahrungen, Interessen und Neigungen der einzelnen Schülerin oder des einzelnen Schülers in der Lerngruppe ein und orientieren sich an deren Lebenswelt. Binnendifferenzierung und Individualisierung haben einen angemessenen Stellenwert. In einem Förderplan werden die unterrichtlichen Maßnahmen und gegebenenfalls Hilfen anderer Maßnahmeträger aufeinander abgestimmt. Ausgehend von diesen Lernvoraussetzungen ermöglicht ein handlungsorientierter und fachübergreifender Unterricht den Kindern und Jugendlichen die aktive Auseinandersetzung mit Lerngegenständen und kann Interesse und Neugier für das Lernen wecken.
Mit dem Ziel, dass die Schülerinnen und Schüler erworbenes Wissen und Können auf neue Anwendungsbereiche übertragen können, ist einem didaktischen und methodischen Vorgehen, bei dem die Schülerinnen und Schüler selbst Problemlösungen durch eigenes Tun und sprachliches Handeln finden, Vorrang einzuräumen.
Die Aneignung von Wissen und Können wird durch vielfältige Formen des Übens verstärkt und gesichert. Geeignete Übungen sind dadurch gekennzeichnet, dass sie die Neugierde wecken und die Aktivität der Schülerinnen und Schüler anregen. Arbeitsformen wie Gruppenarbeit, Partnerarbeit, Einzelarbeit und Freiarbeit unterstützen diesen Prozess.
Der Unterricht berücksichtigt entwicklungshemmende Gegebenheiten bei den Kindern und Jugendlichen und die zum Teil auf Grund von Misserfolgen bestehenden Abneigungen gegenüber schulischem Lernen. Durch erfolgreiches Lernen wird das Selbstvertrauen gestärkt und die Anstrengungsbereitschaft angeregt.
Kinder und Jugendliche mit Lernbeeinträchtigungen benötigen Lerngruppen, in denen ihre individuellen Lernbedürfnisse Berücksichtigung finden können. Eine anregende Klassenraum- und Schulhausgestaltung sowie Lernatmosphäre fördern aktives Lernen, die Kommunikation und Interaktion von Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern im Sinne einer lernenden Gemeinschaft. Sonderpädagogische Förderung muss dabei in einem ausgewogenen Verhältnis von Individualisierung und Unterricht in einer Lerngruppe gestaltet werden.
Grundlage für die Lernorganisation bilden fachgebundenes und kursbezogenes Vorgehen im Unterricht wie auch fachübergreifende Planung in Verbindung mit Sprachförderung und Sozialerziehung am Lernort Schule und in außerschulischen Situationen. Die diagnostischen, erzieherischen und didaktischen Aufgabenstellungen im Förderschwerpunkt Lernen erfordern eine stetige Kooperation zwischen den Lehrkräften. Dabei können die Bildung von Lehrerteams und Teamberatung jahrgangsbezogen oder jahrgangsübergreifend hilfreich sein. Bei der Zusammenarbeit geht es um eine gemeinsame Bewertung der begleitdiagnostischen Daten von Schülerinnen und Schülern, eine gemeinsame Unterrichtsplanung und einen Austausch von didaktischen Materialien. Teamarbeit der Lehrkräfte wirkt modellhaft auf die Arbeitsstrukturen der Schülergruppen und erweitert die fachliche Kompetenz dieser Lehrkräfte.
Vorrangiges Ziel ist die Entwicklung von Unterrichtsformen, die einen lebensnahen, altersgemäßen und förderspezifischen Umgang mit Unterrichtsgegenständen zulassen und die helfen, Voraussetzungen des Wissenserwerbs von lernbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen zu erschließen. Erziehung und Unterricht bilden eine Einheit, welche die motorische, kognitive, soziale und emotionale Entwicklung sowie das sprachliche Handeln fördert. Hierbei verlangt das Wahrnehmungs- und Auffassungsvermögen der Schülerinnen und Schüler eine individuelle Unterstützung des Lernprozesses. Dies geschieht durch die Anregung und Entwicklung aller Sinne und einen variablen sowie vielgestaltigen Medieneinsatz. Eine originäre und unmittelbare Auseinandersetzung mit Sachfragen in unterschiedlichen Lernsituationen und an unterschiedlichen Lernorten trägt wesentlich zum Erkenntnisprozess bei. Die neuen Medien eröffnen vielfältige Differenzierungsmöglichkeiten.
Handlungsorientierter Unterricht fördert in besonderer Weise das Entdecken von Zusammenhängen und das Übertragen auf neue Situationen und führt in Techniken selbstständiger Lernorganisation ein. Unterricht, der das Erkennen und Durchdringen von Sachzusammenhängen durch die Schülerinnen und Schüler anstrebt, setzt an ihren Erfahrungen an und berücksichtigt ihre aktuellen und zu erwartenden Lebenssituationen.
Verlangsamte und erschwerte Lernprozesse erfordern, dass das zu Lernende veranschaulicht, gegliedert, sprachlich gefasst und angewendet wird. Darüber hinaus wird im Unterricht ein ausgewogener Wechsel von Anspannung und Entspannung, von Konzentrations- und Ruhephasen beachtet.
Für die ganzheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen hat auch die Motorik eine zentrale Bedeutung. Bewegung im Unterricht, rhythmisch-musikalische Erziehung und das Unterrichtsfach Sport erweisen sich im Schulleben als wichtige Erfahrungsfelder sozialen und selbstverantworteten Handelns. Sie sind unverzichtbar für die motorische, psychomotorische und psychosoziale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler, auch im Sinne einer Prävention drohender oder vorhandener Entwicklungsstörungen, Leistungsschwächen und Verhaltensauffälligkeiten.
Darüber hinaus können Bewegungsimpulse und -möglichkeiten, die sich aus dem Unterricht ergeben, Anreize bieten, eigene Erfahrungen zu sammeln, neue Bewegungsabläufe zu entdecken und zu erproben, zu improvisieren und zu realisieren. Die Koordination von Bewegungsabläufen kann in besonderer Weise durch Geschicklichkeitsspiele, rhythmische Bewegungsspiele, Tanz, Malen und Zeichnen in Verbindung mit Musik, Partner- und Gruppenübungen sowie Sportspiele gefördert werden.