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Empfehlung zur Behandlung des Widerstandes in der NS-Zeit im Unterricht

KMBl I 1981 S. 219


2230.1.1.1.1.3-K
Empfehlung zur Behandlung des Widerstandes in der NS-Zeit im Unterricht
Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus
vom 30. März 1981 Az.: II/4 - 8/43 801
Die Kultusminister und -senatoren der Länder in der Bundesrepublik Deutschland haben am 4. Dezember 1980 eine Empfehlung zur Behandlung des Widerstandes in der NS-Zeit im Unterricht herausgegeben, die nachstehend veröffentlicht wird.
Die Schulen und die Institutionen für Lehreraus- und -fortbildung werden gebeten, die „Empfehlung zur Behandlung des Widerstandes in der NS-Zeit im Unterricht “ insbesondere im Fach Geschichte in angemessener Weise zu beachten. Es ist dafür Sorge zu tragen, dass die Vereinbarung auch in den pädagogischen Seminaren besprochen wird.
I.A. Dr. Karl Böck
Ministerialdirektor

Empfehlung zur Behandlung des Widerstandes in der NS-Zeit im Unterricht

Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 4. Dezember 1980
Die Kultusminister und -senatoren der Länder bekräftigen die Notwendigkeit, im Geschichtsunterricht sowie in der politischen Bildung grundlegende Kenntnisse und Einsichten über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft zu vermitteln.
Für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, den Ursachen und Wirkungen seiner Herrschaft, hat die zeitgeschichtliche Forschung neue und verbesserte Grundlagen geschaffen. Sie betreffen auch den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, dessen vielfältige Erscheinungsformen heute differenzierter und umfassender gesehen und gewürdigt werden können als noch vor Jahren. Sichtbar ist heute, dass es nicht nur den systematischen und programmatischen Widerstand politischer Gruppen gegeben hat (z.B. Goerdeler-Kreis, Kreisauer Kreis, Neubeginn etc.), sondern auch einen weit verbreiteten Widerstand im Volk, der sich in Formen der Nichtanpassung, der Verweigerung im Einzelfall, oft der passiven Resistenz geäußert hat. Sichtbar ist auch, dass es unterschiedliche weltanschauliche und politische Motive waren, die zum Widerstand geführt haben. Der Widerstand kann nicht auf einen einzigen Nenner gebracht, er darf deswegen auch nicht von einer einzigen Seite betrachtet oder gar vereinnahmt werden. Gemeinsam ist jedoch allen Erscheinungen des Widerstandes der Ausgangspunkt: Die Auflehnung gegen den totalen Zugriff der NS-Politik auf das Alltagsleben; die moralische Empörung gegen Rechtsbrüche; die Parteinahme für Verfolgte; der Versuch, in einem total gelenkten Staat ein Minimum an moralischer Verantwortung, sei es auch nur im engsten Kreis von Familie, Gemeinde, Kirche, aufrechtzuerhalten; mit zunehmender Kriegsdauer auch das Bewusstwerden der Sinnlosigkeit und des mörderischen Charakters dieses Krieges.
Für die Schule bedeutet dies, dass sie versuchen muss, den Widerstand in den Gesamtzusammenhang der nationalistischen Herrschaft und Politik zu stellen. Hier sind auch die Widerstandsbewegungen außerhalb Deutschlands und die Aktivitäten von Emigranten im Exil zu würdigen. Neben der Darstellung führender Figuren des Widerstandes bietet sich das lokalgeschichtliche und regionalgeschichtliche Umfeld besonders an. Zu zeigen ist, dass die Kapitulation vor der Diktatur oft nicht mit spektakulären Einbrüchen, sondern mit den kleinen Feigheiten des Alltags begonnen hat; dass sich aber auch gerade im Alltag stiller Widerstand findet, ohne den ein Bild des Lebens im Dritten Reich nicht vollständig wäre. Zu zeigen ist aber auch wie Angst und Anpassung entstehen konnten und vielen den Mut nahmen, das Unrecht zur Kenntnis zu nehmen oder gar dagegen zu handeln.
Die Behandlung des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Schule und politischer Bildung hat das Ziel, Erinnerungen wach zu halten, geschichtliche Grundkenntnisse zu vermitteln und das politische Urteil zu schärfen. Dadurch soll sie bei jungen Menschen demokratische Werthaltungen befestigen und entsprechende Verhaltensweisen aufbauen. Die Untersuchung des Widerstandes soll die Achtung vor den Menschenrechten, die politische und moralische Verantwortlichkeit und das Eintreten für eine Ordnung stärken, in der verschiedene politische und weltanschauliche Richtungen im demokratischen Verfassungskonsens nebeneinander und miteinander bestehen können. In den Kräften des Widerstandes, so verschieden sie waren, zeigt sich ein gemeinsamer Wille zur moralischen Selbstbehauptung auch in einer aussichtslosen politischen Lage. In der Vergegenwärtigung des Widerstandes in Unterricht und politischer Bildung liegt daher ein Schlüssel für die Zukunft unserer demokratischen Ordnung.